Hätte Jesus Mediation geholfen? Sr. Kerstin-Marie im Gespräch mit Jörn Valldorf

Spektrum der Mediation (SdM):               Können Sie  Ihren Konvent beschreiben?

Sr. Kerstin-Marie (SKM):               Gern. Ich bin Arenberger Dominikanerin. Unser Mutterhaus ist das Kloster Arenberg in Koblenz-Arenberg. Dort leben ungefähr 45 Schwestern. Ich selbst gehöre zum Konvent in Oberhausen. Dort sind wir 12 Schwestern im Konvent. Außerdem haben wir dort ein Altenheim, in dem nochmals 14 Schwestern von uns als pflegebedürftige Schwestern leben. Ich selbst bin mit einer weiteren Schwester in einer Außenstelle in Vechta. Aber wir gehören immer noch zum Konvent in Oberhausen. In Bezug auf unser Thema habe ich mir auch gedacht: Wie geschlossen ist eigentlich unser System? Aber systemisch betrachtet sind wir natürlich schon ein geschlossenes System. Das stimmt schon.

SdM:      Aber ganz sicher sind Sie sich nicht?

SKM:      Ich hänge tatsächlich noch an dem Gedanken: Sind wir eigentlich ein geschlossenes System?

SdM:      Das ist eine gute Frage …

SKM:      Ein geschlossenes System macht für mich aus, dass nichts nach außen dringen darf. Wir haben in manchen Ordensgemeinschaften z.B. mit geistlichem Missbrauch zu tun. Das würde ich immer als geschlossenes System bezeichnen. Entweder sind wir die Elite oder es darf nichts nach außen dringen oder wir schotten uns ab. Primär erlebe ich in unserer Gemeinschaft, dass wir viel nach außen geben und Anteil haben lassen. Die jungen Schwestern bei uns sind alle bei Instagram oder Facebook.

SdM:      Was sagt denn die Bibel zu Konflikten?

SKM:      Im Neuen Testament haben wir die paulinischen Briefe – also die Briefe, die Paulus an die Gemeinden schrieb. Er spricht davon, dass man sich versöhnen und miteinander reden soll. Für Theolog*innen ist es interessant, sich die paulinischen Briefe genauer anzuschauen. Es ist beim Lesen spürbar, dass da auch ordentlich Strom in den Tapeten war. Paulus kam selbst zum Apostelkonzil nach Jerusalem und sie stritten sich darüber, ob alle, die Christ*innen werden wollen, zuvor als jüdisch gelten müssen oder nicht. Das waren damals existenzielle Fragen, die sicherlich auch sehr lebhaft diskutiert wurden. Eines ist auf jeden Fall klar: Es gibt und gab immer Streit. In der Bibel geht es darum, wahrhaftig zu sein und zum eigenen Wort zu stehen. Außerdem haben wir die Geschichten von falschen Zeug*innenaussagen – und die gehen nie gut aus. Es gibt vielleicht nicht so eine klare Anweisung, wie mit Konflikten umgegangen werden soll. Jedoch wird deutlich, dass Streit menschlich ist.

SdM:      Inwieweit hilft denn der Glaube, Konflikte zu klären oder vielleicht auch gar nicht erst so groß werden zu lassen?

SKM:      Im System Kloster hilft es insofern, als dass der Glaube das ist, weswegen wir überhaupt zusammen sind. Der Kern oder die Quintessenz, wenn Sie so wollen. Wir sind nicht eine Truppe von Freundinnen oder eine Wohngemeinschaft. Wir sind alle im Kloster, weil wir der Überzeugung sind, dass das unsere Berufung ist. Deswegen gibt es immer so etwas wie einen höheren Grund. Wenn es zu Konflikten mit einer Mitschwester kommt, denke ich: Das ist jetzt nicht meine Freundin, es ist aber meine Mitschwester. Ich muss schauen, wie ich damit klarkomme. Es gibt diesen Satz: »Die Schwester, die mir vielleicht am meisten auf die Nerven geht, ist der Schleifstein meiner Heiligkeit.« Ich finde, was auf jeden Fall hilfreich ist, ist der Gedanke, dass wir zusammen in dieser Gruppe sind, nicht weil wir uns mögen oder weil wir Freundinnen sind oder weil wir irgendwie billigen Wohnraum suchen, sondern weil wir einen Sinn darin sehen. Gleichzeitig ist jeder Mensch eine Schöpfung Gottes und gut so wie er*sie ist. Es ist immer eine Frage der Perspektive: Macht die Person das jetzt mit Absicht? Will sie mich ärgern oder ist sie, wie sie ist? Das kann auch helfen und den Konflikt entschärfen.

SdM:      Brauche ich dazu den Glauben, um das so sehen zu können?

SKM:      Nein, das kann man sicher auch ohne. Aber wie predigte Steve (Steve Kennedy Henkel, Pfarrer in München, hat dieses Gespräch vermittelt; Anm. d. Red.) am Sonntag so schön? Mit dem Glauben wird es leichter.

SdM:      Wie gehen Sie generell mit Konflikten in Ihrer Ordensgemeinschaft um? Gibt es dafür Regeln?

SKM:      Es liegt ein bisschen an jeder Einzelnen. Es gibt solche, die nicht mit einem Streit ins Bett gehen. Sie sprechen das dann manchmal noch am gleichen Abend an. Früher gab es die sogenannten Schuldkapitel, bei denen die Gemeinschaft zu bestimmten Gelegenheiten zusammengekommen ist und Einzelne gesagt haben …

SdM:      Also dieses Mea culpa oder was meinen Sie mit dem Schuldkapitel?

SKM:      Ja genau das. Heute nennen wir es Versöhnungskapitel. Wir machen das bspw. vor wichtigen Lebensabschnitten wie einer Profess. Da kommt der ganze Konvent zusammen. Eine Mitschwester sagt dann vielleicht »Ich habe einen Fehler gemacht und bin möglicherweise jemandem auf die Füße getreten« und dann gibt es dazu Reaktionen. Feedback würde man dazu wohl sagen, und so kommen wir dann ins Gespräch und können Dinge miteinander klären. Früher fand das noch institutionalisierter und regelmäßiger statt. In den 1960ern, 70ern, 80ern war es oft schwierig, die Dinge so zu klären, weil es nicht so eine progressive Konfliktkultur gab wie heute.

SdM:      Wie sieht es heute aus?

SKM:      Heute gibt es ein Konventgespräch, bei dem der jeweilige Konvent zusammenkommt – da muss es nicht immer um Konflikte gehen. Oft geht es auch um Zukunftsplanung. Aber es gibt auch den Raum, in dem problemhafte Dinge angesprochen werden können. Manche sind konfliktfreudiger als andere oder können es besser angehen. Ich glaube, wenn man gut ausgeglichen ist, kann man auch viele Konflikte vermeiden. Nicht vermeiden in dem Sinne, nicht miteinander zu sprechen, sondern wirklich zu sehen: Macht sie das jetzt absichtlich? Will sie mich ärgern oder wie kann ich auf sie zugehen?

SdM:      Sind Konflikte, die bei Ihnen auftauchen, im System Ordensgemeinschaft oder sind es auch teilweise Konflikte, die durch das Außen in die Gemeinschaft getragen werden?

SKM:      Beides ist der Fall oder vielleicht eher eine Mischung aus beidem. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: die Coronapandemie. Sie ist nicht in unserm Kloster entstanden, sondern kam von außen. Damit mussten wir umgehen. Wie gehen wir mit einer Mitschwester um, die sich nicht impfen lassen kann oder will? Es sind erwachsene Menschen, die kann man nicht zwingen. So muss man eben schauen, wie man dennoch gut miteinander klarkommt. Es muss berücksichtigt werden, für wen das welche Konsequenzen haben könnte. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Wir haben wenig Konflikte, die von außen nach innen kommen. Natürlich sind wir nicht immer alle einer Meinung. Die einen hören gern Radio Horeb und die anderen machen lieber was anderes. Da können wir uns gut lassen.

SdM:      Wie lernen Sie das, sich lassen zu können?

SKM:      Das hat schon auch damit zu tun, dass wir vier- bis fünfmal am Tag zusammenkommen, um zusammen zu beten. Wir üben diesen Transzendenzbezug immer wieder von Neuem ein. Für unsere Gemeinschaft ist klar, dass es etwas Höheres gibt, dass es jemanden Höheres gibt, und wir glauben, Gott ist die Liebe. Ich bin davon überzeugt, dass das schon sehr hilfreich ist.

SdM:      Darf denn eine Ordensschwester wie Sie auch mal richtig sauer und wütend und nachtragend und richtig fies sein oder verbietet sich das sozusagen schon quasi von Ihrer Haltung heraus selbst?

SKM:      Na ja, es gibt ja immer eine erste und eine zweite Bewegung. In der ersten gibt es wahrscheinlich sehr viel Energie. Ich sage immer, Energie ist super. Wenn da etwas brennt, ist das erstmal gut. Entscheidend ist immer die zweite Bewegung, also wenn ich auf jemanden sauer bin, muss ich die Person jetzt anschreien oder kann ich schauen, was mein Anteil dabei ist? Oder was sind die Resonanzen, die ich gerade spüre? Jede*r, die*der mal wütend ist, kann sich aufregen. Das ist normal und gar nicht schlimm, auch für Ordensschwestern nicht.

SdM:      Helfen die Gebetszeiten dabei, dass es zu weniger Konflikten kommt, weil man sich auf das Wesentliche, in Ihrem Fall auf Gott konzentriert und andere Dinge gar nicht so groß werden lässt?

SKM:      Ja und nein. Wir sind doch alle Frauen und wie alle Frauen haben wir unsere monatlichen Phasen. Da ist man dann von manchen Sachen mehr angefasst als von anderen. Ich glaube, was uns sehr hilft, ist einfach die Geschichte und dass wir Konstitutionen haben und diese unser Leben regeln. Daher bleiben wir nicht so sehr an alltäglichen Fragen hängen, die in anderen Kontexten vielleicht leichter zu Konflikten führen. Wir müssen nicht darüber diskutieren, was wir einkaufen oder ob wir mehr Bioprodukte einkaufen oder weniger oder mehr Fleisch oder weniger essen oder heute Kartoffeln und morgen Reis essen. Es gilt der alte Spruch: »Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.« Es fallen im Alltag ganz viele Sachen weg, über die man sich sonst in die Haare kommt. Einfach, weil sie schon längst geregelt sind. Das macht es manchmal auch etwas kompliziert, wenn man gern etwas ändern möchte. Aber wie sehr man sich über etwas aufregt, hängt vom Naturell ab. Bei uns ist vielleicht noch ein Trick, dass wir auch einfach viel zusammen schweigen. Wenn man weniger redet, kann man sich auch weniger streiten.

SdM:      Demut und Gehorsam spielen in einer Ordensgemeinschaft eine ganz wichtige Rolle. Bestärken diese beiden Komponenten einen darin, Konflikte anzusprechen, oder unterdrücken sie das?

SKM:      Ich glaube nicht, dass es Konflikte unterdrückt. Immer, wenn etwas unterdrückt wird, geht es schief.

SdM:      Stimmt.

SKM:      Wir sind eine sehr fröhliche Gemeinschaft und natürlich sind wir auch eine alternde Gemeinschaft. Gehorsam hat für mich sehr viel mit hören zu tun. Für mich ist es auch immer eine Aufforderung, genau hinzuhören. Dient es dem Leben, wenn ich etwas anspreche? Das hat in meiner Wahrnehmung mit Demut und Gehorsam zu tun: gut zu schauen, wie ich mit dem Konflikt umgehe. Wenn ich das Thema anspreche, ist es auch wichtig zu prüfen, wo meine eigenen Anteile liegen, um eine gute Lösung zu finden.

SdM:      Und wie sieht es mit der Demut aus?

SKM:      Demut heißt für mich auch, sich selbst zurückzunehmen und nicht so wichtig zu nehmen. Ich glaube, das ist schon sehr hilfreich, wenn einem das gelingen kann. Man muss nicht immer alles auf sich beziehen. Die andere meint vielleicht gar nicht mich. Sie hat vielleicht gerade schlecht geschlafen oder so. Eigentlich ist all das, was wir aus der gewaltfreien Kommunikation kennen, hilfreich im Hinterkopf zu haben: Was ist eigentlich mein Thema? Was ist Thema der anderen? Wenn die jungen Schwestern alles anders machen – warum macht mir das Mühe? Dann ist es wichtig zu schauen, was wir davon ansprechen. Ich finde, Demut und Gehorsam sind dienlich. Wir versprechen Armut, Keuschheit und Gehorsam. Keuschheit hat etwas zu tun mit sich zurückzunehmen. Das ist sehr hilfreich.

SdM:      Sind Generationskonflikte ein Thema?

SKM:      Nicht wirklich, aber natürlich stellt uns das Miteinander der Generationen vor Herausforderungen. Dort, wo viele ältere Mitschwestern mit uns zusammenleben, sind die Dinge vielleicht auch langsamer. Wir brauchen länger, um von der Kirche ins Refektorium zu kommen. Dann muss gewartet werden. Das kann manchmal lästig sein, ist aber so. Punkt. Von der Altersstruktur her ist es so, dass wir die meisten Schwestern eher in der Großmuttergeneration haben. Da ist es noch mal anders, an denen reibt man sich nicht so.

SdM:      Welche Methoden nutzen Sie in Ihrer Ordensgemeinschaft, um sich zu entwickeln, um Dinge zu klären, um zu planen?

SKM:      Wir haben 2015 erstmals einen Vikobama-Prozess gemacht. Das ist ein Prozess aus dem Berufungscoaching. Er eignet sich gut als Visionsentwicklungsprozess für Gruppen. Diesen Prozess werden wir auch im nächsten Jahr machen. Ich persönlich finde auch immer Friedemann Schulz von Thun sehr gut, seien es seine Methoden für Kommunikation oder das innere Team. Und auch immer wieder die Grundlagen der gewaltfreien Kommunikation.

SdM:      Ist das bewusste Erleben von christlichen Festen oder Ritualen hilfreich bei der Konfliktbearbeitung?

SKM:      Also in Bezug auf Weihnachten ist es, glaube ich, einfach sehr hilfreich, dass es nicht so überladen ist. Im Kloster nehmen wir die Adventszeit als Adventszeit, also eher als Fastenzeit wahr. Das ist eine wichtige Trennung: Weihnachten auf der einen, Advent auf der anderen Seite. Geschenke spielen bei uns keine große Rolle. Deswegen gibt es auch nicht die große Enttäuschung, wenn dann einerseits unter dem Baum doch nicht das neueste Handy liegt oder … Andererseits fällt bei uns der ganze Besuchsstress weg. Den Heiligen Abend und den ersten Weihnachtsfeiertag verbringen wir im Kloster. Es geht um Entschleunigung.

SdM:      Die letzte Frage, die mich noch interessiert: Wenn ich zu Ihnen zu einem Coaching käme, was können Sie mir geben, was ein Coach, der nicht Ihre christliche Prägung hat, vielleicht nicht kann?

SKM:      Auch wenn ich in meinen Habit vor meinen Klient*innen sitze, arbeite ich als Coachin professionell in der Coachinghaltung. Dass ich Christin bin, ist da natürlich nicht das Thema. Außer die Klient*innen bringen es ein und haben ein Interesse daran. Grundsätzlich gilt: Die Klient*innen sind Expert*innen für ihr Leben, ich bin die Expertin für die Methode. Sie sind eine gute Schöpfung Gottes, egal ob sie Christ*in sind oder nicht oder aus der Kirche ausgetreten sind. Das interessiert mich nicht. Aber zu sagen, sie sind gewollt, geliebt, eine gute Schöpfung Gottes, hilft mir dann, mit ihnen zu arbeiten. Dass ich etwas anders mache als ein*e andere*r Coach*in, hoffe ich nicht. Ich bin davon überzeugt, dass es mir leichtfällt, in der Haltung zu bleiben.

SdM:      Fällt es Ihnen vielleicht leichter als mir, in dieser Haltung zu bleiben, weil Sie einfach schon dieses grundchristliche Bild von der Wertigkeit des Menschen als ein Ebenbild Gottes verinnerlicht haben?

SKM:      Das kann ich jetzt nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie leicht oder schwer es Ihnen fällt. Aber vielleicht ist es so. Ich arbeite sehr ressourcenorientiert, und da weiß ich natürlich: Ich glaube an einen Gott, der die Ressourcenorientierung schlechthin ist. Und das macht es mir leicht, auch so zu arbeiten.

SdM:      Gibt es irgendeinen Konflikt in einer biblischen Erzählung bei dem Sie sagen, da hätte Mediation geholfen?

SKM:      Es gibt die Geschichte, in der Jesus im Tempel in Jerusalem ist und sich so sehr über die Händler dort ärgert, dass er sie alle aus dem Tempel wirft. Da hätten die beiden Parteien mithilfe eines*einer Mediators*Mediatorin ins Gespräch kommen können.

SdM:      Ich bin dann mal weg und mache eine Zeitreise. Danke für dieses Gespräch.

Das Interview ist zuerst hier erschienen:

Psychosozial-Verlag

Die Erstveröffentlichung finden Sie hier: www.psychosozial-verlag.de/8446

Wir danken dem Psychosozial-Verlag für die Möglichkeit, das Interview in unserem Blog zu veröffentlichen.

Fotocredit Sr. Kerstin-Marie: Conny Kurz

Fotocredit Jörn Valldorf: Peter Krause@studio mittelmühe

Titelbild: Samuel Zeller, unsplash.com

11. Januar 2024 || ein Interview mit Sr. Kerstin-Marie, geführt von Jörn Valldorf

Sr. Kerstin-Marie Berretz ist Arenberger Dominikanerin, Theologin, Berufungscoachin WaVe® und systemische Coachin. Sie lebt und arbeitet als Religionslehrerin und Coachin in Vechta in Niedersachsen.

Jörn Valldorf ist Mediator, Coach, Chefredakteur des Spektrums der Mediation und Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Bundesverbandes MEDIATION e.V.