23. April 2021 || ein Beitrag von Akademiereferent Dr. Matthias Lehnert

Stellen wir uns dem Guten zur Verfügung

Während beim US-Klimagipfel 40 Staats- und Regierungschefs über Emissionsziele verhandeln, nähert sich das von Papst Franziskus im Mai 2020 ausgerufene „Laudato si‘-Jubiläumsjahr“ seinem Ende.

Zum fünften Jahrestag der Sozial- und Umweltenzyklika Laudato si’ hatte Papst Franziskus mit seiner Initiative einen weiteren Impuls für einen Richtungswechsel in Kirche und Welt geben wollen – hin zu einer gerechten und nachhaltigen Entwicklung im Sinne der Enzyklika, die manchem als entscheidende Wegmarke der Kirchengeschichte gilt.

Was bringt’s?
Im September 2020 hatte ich in einem Blog-Beitrag skeptisch angemerkt, dass nicht wirklich erkennbar sei, „wie viel Substanz die ganze Angelegenheit haben wird. Vieles scheint sich in Ideen, Papieren und Versammlungen zu erschöpfen.“

Und heute? Noch mag es zu früh sein, um Bilanz zu ziehen, werden sich doch manche Bemühungen erst in einigen Jahren auszahlen. Und doch bin ich weiterhin skeptisch: Was wird wirklich erreicht durch ein gemeinsames Gebet für Erde und Menschheit (24. Mai 2020)?

Was bewirkt ein Dokument mit dem etwas verwirrenden Titel „Auf dem Weg zur Sorge für das gemeinsame Haus”, das mehrere vatikanische Behörden im Juni 2020 vorlegten? Etwas boshaft könnte man fragen, wie lang wohl der Weg von der Sorge zum Handeln sein wird. Seltsam ist auch, dass von diesem so gefeierten Dokument, das zahlreiche konkrete Maßnahmen auflisten soll, keine deutsche Fassung zu existieren scheint.

Und ob der im November 2020 mit viel Fanfare und prominenter Beteiligung durchgeführte „Wirtschaftsgipfel“ unter dem Motto „The Economy of Francesco“  einen nennenswerten Beitrag zur Transformation der globalen Wirtschaft leisten wird, darf auch bezweifelt werden. Immerhin: Bei der ursprünglich als Kongress in Assisi geplanten und letztlich ins Internet verlegten Veranstaltung diskutierten rund 2000 junge Wissenschaftler, Unternehmer und Aktivisten – vergleichsweise klimaneutral, da auf lange Reisen verzichtet werden konnte. Dennoch mag man fragen, ob solche Events nicht genau diejenigen erreichen, die sich ohnehin schon für eine nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweise einsetzen. Zumindest bei den prominenten Gästen des Gipfels gab es wenige Überraschungen: Den Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus und den Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs darf man ebenso wie die Umweltaktivistin Vandana Shiva wohl als die „üblichen Verdächtigen“ solcher Veranstaltungen bezeichnen.

Von Laudato si’ zu Fratelli tutti
Papst Franziskus selbst hat während des Jubiläumsjahres mit Fratelli tutti eine weitere Enzyklika vorgelegt. Im Zentrum dieses Schreibens stehen Geschwisterlichkeit und „soziale Freundschaft“. Wenngleich der Papst wieder einen Titel wählte, der auf den heiligen Franz von Assisi zurückgeht, setzte er doch deutlich andere Akzente als in Laudato si’. Das Themenspektrum reicht nun von Migration und Flucht über die Gleichberechtigung der Geschlechter und den Dialog der Religionen bis zur Kritik an Todesstrafe und Rassismus. Allerdings verbinden sich diese Aspekte im universalen Schöpfungsverständnis des Papstes nahtlos mit der „Sorge um das gemeinsame Haus“ und können gewissermaßen als Zustandsbeschreibung einiger Zimmer dieses Hauses angesehen werden. Weiterhin gilt, was Papst Franziskus 2015 in einer der wohl am meisten zitierten Aussagen von Laudato si’ feststellte: „Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozio-ökologische Krise. Die Wege zur Lösung erfordern einen ganzheitlichen Zugang, um die Armut zu bekämpfen, den Ausgeschlossenen ihre Würde zurückzugeben und sich zugleich um die Natur zu kümmern.“ (Laudato si‘, 139)

Weitermachen!
So kann man Fratelli tutti auch als Ermutigung zum Weitermachen lesen: „Jeder Tag bietet uns eine neue Gelegenheit, ist eine neue Etappe. Wir dürfen nicht alles von denen erwarten, die uns regieren; das wäre infantil. Wir haben Möglichkeiten der Mitverantwortung, die es uns erlauben, neue Prozesse und Veränderungen einzuleiten und zu bewirken. […] Halten wir das am Leben, was gut ist, und stellen wir uns dem Guten zur Verfügung“ (Fratelli tutti, 77).

So wichtig die Erfolge der Klimadiplomatie und so großartig die intellektuellen Impulse von Jeffrey Sachs, Vandana Shiva und Co. auch sein mögen: Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und uns auch nicht darauf beschränken, die politischen Beschlüsse zu kritisieren oder die vielen wohlmeinenden Schöpfungsevents zu belächeln.

Daher ist es gut, dass das Erzbistum Köln im Herbst 2020 ein „Visionspapier zur Schöpfungsverantwortung“ vorgestellt und sich das Ziel gesetzt hat, bis zum Jahr 2030 zu einem klimapositiven und nachhaltig schöpfungsfreundlichen Erzbistum zu werden.

Zeit der Schöpfung – Zeit zu handeln
Im Sinne des beharrlichen Weitermachens haben die Thomas-Morus-Akademie und die neu gebildete Abteilung Schöpfungsverantwortung des Erzbistums zur nunmehr dritten gemeinsamen Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Zeit der Schöpfung – Zeit zu handeln“ ein. Zum Abschluss des „Laudato si‘-Jubiläumsjahres “ werden an vier Abenden im Mai noch einmal zentrale Aspekte der wegweisenden Enzyklika in den Blick genommen. Der Reigen beginnt am Dienstag, 4. Mai 2021 mit einem Vortrag des Franziskaners Stefan Federbusch über die franziskanische Schöpfungsspiritualität. In der folgenden Woche, am Mittwoch, 12. Mai 2021, wird der Münchner Sozialethiker Professor Dr. Markus Vogt Grundzüge einer Umweltethik in der neuen erdgeschichtlichen Epoche des Anthropozäns skizzieren. Es folgen zwei Vorträge zu konkreten Handlungsoptionen: Am Dienstag, 18. Mai 2021, wird Jan Kern von der Natur- und Umweltschutzakademie NRW zeigen, wie der Trend des „urban gardenings“ Städte zum Blühen bringt. Zum Abschluss der Reihe wird dann am Dienstag, 25. Mai 2021, Rike Schweizer von der Klima-Kollekte gGmbH das Prinzip der CO2-Kompensation und stellt Möglichkeiten für klimafreundliches Handeln vorstellen.

Bilder:
Elena Mozhvilo auf Unsplash, gemeinfrei
Giotto di Bondone: Legende des heiligen Franziskus. Die Vogelpredigt. Basilika San Francesco, Assisi auf Wikimedia, gemeinfrei