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GIDEON KLEIN – das frühe Verstummen des jüdischen Musikers

Wie manifestiert sich das reiche musikalische Leben in Böhmen-Mähren? Abgesehen von den Meistern der böhmischen Romantik wie Dvorák und Smetana finden sich in der Wiener Kulturpresse des 19. Jahrhunderts viele Berichte über die musikalische Vielfalt in Böhmen, Mähren und Schlesien: Von umtriebigen Liedertafeln und Konzertvereinen ist da die Rede, ebenso von der sakralen Gesangskultur. Nach dem Ende der K. u. K.-Zeit verdankt sich das Musikleben mehr und mehr dem bürgerlichen, zu bedeutenden Teilen dem jüdischen Milieu.

© Xrys D, CC BY-SA3.0

So erklärt sich der fulminante Start des jungen Klaviervirtuosen GIDEON KLEIN aus Prerov, einer mährischen Kleinstadt südlich von Olmütz. Mit 11 Jahren wird er 1931 zu seiner Schwester nach Prag geschickt, wo ihn der berühmte Klavierpädagoge Vilém Kurz in die pianistische Obhut nimmt. Die brillanten Auftritte des Teenagers lassen in Prag aufhorchen, doch das Klavierspiel genügt ihm nicht, Seine Neugier ist nicht zu bremsen. Nebst der Beschäftigung mit Literatur studiert er Musikwissenschaft an der Karls-Universität und Komposition bei Alois Hába am Konservatorium, dem tschechischen Meister der Mikrotonalität. Als einziges Werk auf diesem Experimentierfeld der Viertelton-Technik gilt Kleins Duo für Violine und Viola von 1940, ein selten gespieltes Stück.

Gideon Klein verlässt die Schule von Alois Hába und stürzt sich in das Studium seiner inzwischen reichen Partituren-Sammlung der Klassik. An der Universität schreibt er eine Arbeit über die Behandlung der einzelnen Stimmen in Mozarts Streichquartetten. Sein Weg hin zur Atonalität führt über einige Vorstudien wie z.B. den 4 Sätzen für Streichquartett (1936-38) bis zum Streichquartett op.2 (1940), einem Werk von ausgereifter Atonalität und gleichzeitigem Echo von Janácek und seiner mährischen Herkunft: Zum flirrenden Tremolo der Violinen steigt ein hinreißendes Cello-Solo, wie eine Undine, aus der Tiefe – als 12-tönige Arie über 6 Takte und versinkt wieder im Untergrund. Der „Vivace“-Satz zeigt luftige, mit Pizzicati untermalte Tanzweisen und einen motorisch drängenden Schlussteil. Im langsamen 3. Satz hören wir die kantable Seite der mährischen Volksmusik, eine liebevolle Hommage an seine Heimat.

Der Drang zum Komponieren verdichtet sich mit der zunehmend beengenden Lebenssituation für jüdische Künstler in Prag seit 1939. Als Pianist muss er den geplanten Solistenauftritt mit Dvoraks Klavierkonzert absagen, ebenso den Studienaufenthalt an der Londoner Akademie. Was bleibt, ist das heimliche Konzertieren im privaten Rahmen und die Schaffung neuer Werke aus Resignation und Verzweiflung heraus, wie z.B. die Drei Lieder op. 1 auf Gedichte von Klaj, Goethe und Hölderlin, alles Texte von tiefer Traurigkeit über Tod und Verlust. Bei Hölderlin heißt es z.B.: „Weh mir, wo nehm ich, wenn / Es Winter wird, die Blumen, und wo / Den Sonnenschein / Und Schatten der Erde? Die Mauern stehen / Sprachlos und kalt, im Winde / Klirren die Fahnen.“

Diese letzten Prager Werke überlässt Klein vor seiner Verhaftung einem Musikerfreund (Eduard Herzog), der den Holocaust überleben wird und sich – gemeinsam mit Gideons Schwester (ebenfalls Überlebende von Theresienstadt und Auschwitz) des Handschriften-Konvoluts annehmen wird.

Deportation nach Theresienstadt und Auschwitz

Mit der Ankunft in Theresienstadt im Dezember 1941 wird Gideon Klein brutal seinem Musik-Kosmos entrissen: Bretter schleppen, Pritschen zimmern, Mauerwerk flicken etc., dies das Programm der ersten Wochen in der heruntergekommenen Festung, viel zu grobe Arbeit für Pianistenhände, dazu kommt seine überaus schlechte psychische Verfassung.

Gideon Klein                            Plakat im Ghetto                        Rafael Schächter

Gideon Klein © mit freundlicher Genehmigung von OrelFoundation
Rafael Schächter © CourtesyTheSchächterFamily
Plakat: gemeinfrei

Seinem Freund und ehemaligen Mitschüler bei Vilém Kurz, Rafael Schächter, gelingt es, ein altes Klavier ins Lager zu schmuggeln und mit anderen Häftlingen im Versteckten einen Chor zu bilden, Anlass für Klein, für die Sänger tschechische, mährische, russische und jüdische Volksweisen zu arrangieren. Singen stärkt das Selbstvertrauen, verliert man doch mit der Inhaftierung im KZ seine Individualität. Hier erhält man zwar keine tätowierte Nummer, doch man bleibt ein Untermensch und damit bedeutungslos. Somit wird die Pflege der Kunst zu einem Akt des Widerstands und der Solidarität unter Gefangenen, zur Flucht vor dem erbärmlichen Alltag und zur Rettung der eigenen Würde.

Mit der Ankunft anderer Musiker wie Pavel Haas, Hans Krása und Viktor Ullmann entsteht ein vielfältiges, anfänglich beargwöhntes Musikleben, welches von der Lagerleitung schrittweise toleriert und am Ende gar zu Propagandazwecken gefördert wird.

Gideon Klein brilliert als Pianist und als Referent zu musikalischen und literarischen Themen. Obwohl der Jüngste unter den leitenden Musikern entpuppt er sich als Katalysator des kulturellen Betriebs im Ghetto, stets zu Diensten des Judenrats, dem die SS die „Freizeitgestaltung“ überantwortet haben. Auf dem Dachboden der Kasernen wird auf höchstem Niveau konzertiert, studiert oder Theater gespielt. Nebst seiner Funktion als Korrepetitor beginnt Klein ab 1942 wieder zu komponieren: Vokalwerke und Kammermusik für professionelles Niveau. So entstehen Madrigale auf Texten von Villon und Hölderlin, eine tschechisches Männerchorwerk „První hrích“ (erster Sündenfall) und mehrere Gesänge für Frauenchor. Petr Kien, ein Maler- und Dichterfreund bittet ihn um die Vertonung seines Textes „Die Pest“ für Altstimme und Klavier, die 1944 im Lager aufgeführt wird.

War unser Komponist zwei Jahre zuvor in Prag der modernen Musik zugewandt, so besinnt er sich hier im Reich der Verdammnis auf seine jüdischen und mährischen Wurzeln. Ein ergreifendes und heute oft aufgeführtes Beispiel: das hebräische Wiegenlied „Sch’haw b’ni“ (Schlaf mein Bub) von 1943, eine schlichte, in moll gehaltene und an jiddische Musik erinnernde Volksweise:

© CC BY-SA 3.0 – quod.lib.umich.edu: Music & Politics

Wiegenlied, Handschrift

Noch immer klingen in seinen Ohren die Melodien aus der Walachei, die er als kleiner Bub von seinem Kindermädchen gehört hat. Darüber hinaus gewinnt die tschechische Dichtung – nebst französischer und deutscher Lyrik – für ihn an Bedeutung, vor allem die Texte von Otokar Brezina, den er schon in Prag vertont hat.

In den beiden letzten Lebensjahren 1943 und 1944 entstehen Kleins bedeutendste Werke, sozusagen sein Vermächtnis: die Klaviersonate und das Streichtrio.

Klaviersonate 1943

Zwischen Juni und Oktober 1943 schafft Klein dieses komplexe Werk und widmet es seiner ebenfalls hier gefangenen Schwester Eliska, die Auschwitz überleben und sich danach als Klavierpädagogin dem Werk ihres Bruders widmen wird.

Der erste Satz („allegro con fuoco“) startet mit einem aufsteigenden Kopfmotiv und seiner Inversion innerhalb einer 12-Ton-Reihe, von Terz- und Tritonus-Sprüngen dominiert. In der Folge wird das Motiv mehrmals abgewandelt bis zu seiner Steigerung im „fortissimo con gran espressione“, mit Cluster-Akkordfolgen links und Oktaven-Donner rechts, dazwischen bedrohliche militärische Marschsalven. Das Gefüge verdichtet sich, drängt vorwärts, droht zu explodieren – Ausdruck der imminenten Todesgefahr? Nach einem resignativen Mittelteil steuert die Reexposition auf eine geradezu brutale Coda zu. Die Partitur des 2. Satzes („adagio“) ähnelt dem Bild eines Debussy-Präludiums: Über einem sehr langsamen Arpeggien-Ostinato in Sechzehnteln perlt wie von Harfen gespielt eine 12-tönige pp-Linie von der Höhe herunter, verdichtet sich dann ins Dramatische, mit einem steten Sog in die Tiefe. Nach einer quasi orchestralen Bass-Unterlage mündet die Motivarbeit in einen chorisch-homophonen Schlussteil – ein trauriger Abgesang in dunklen Zeiten. Im stürmischen Schlussteil knüpft Klein an die Volkstänze seiner Heimat an. Hier kontrastieren hüpfende 9/8 – Motive mit stampfenden Paukenschlägen im Bass, dazwischen da und dort ein schrill-dissonierender Aufschrei. Die Wildheit des Tanzes entspricht hier dem Impuls des Komponisten, seinem Zorn und der Verzweiflung freien Lauf zu lassen – das Ganze jedoch mit den Zügeln der klassischen Sonatenform gebändigt.

Streichtrio 1944

Kleins populärstes Werk, das 1944 kurz vor seiner Deportation nach Auschwitz entstandene Streichtrio basiert deutlich auf Elementen seiner mährischen Heimat und deren Verwendung bei Leos Janácek, dem musikalischen Übervater aus Brünn (und Lehrer von Pavel Haas). Rhythmisch dominiert die Urzelle des akzentuierten Sechzehntels mit angefügtem punktierten Achtel. Das Trio startet wild, mit einem Perpetuum mobile der Violine über dem etwas schwerfälligen Tanzschritt im Cello (Thema A) über ca. 15 Takte. Ein zweites Thema B wird von der Violine eingeführt und vielfach abgewandelt. Die Struktur A-B-A’-B’ bestimmt den ganzen ersten Satz, wobei B dramatisch gesteigert und polyrhythmisch durchgearbeitet wird, darin eingeflochten obsessive Wiederholungen, akzelerierend wie ein Endspurt vor dem Absprung. Der dritte Satz nimmt den Charakter des Eingangssatzes wieder auf, gebärdet sich darüber hinaus mittels Registerkreuzungen und Doppelgriffen wie ein orchestral wirkendes Streichquintett. Ganz anders der gesangliche Mittelsatz („lento“), wo Klein ein Lied aus seiner Heimat zu einem 10-taktigen Thema mit 13 Variationen verarbeitet: humoristische Pizzicati wechseln hier mit dunklem Streichersound, dazwischen ornamentale Cello-Soli, schroffe Tanzeinlagen und homophone Klangfolgen – eine letzte Erinnerung an die Kindheit.

Kurz nach der Fertigstellung des Trios, dessen Handschrift er noch einer Freundin in Theresienstadt anvertrauen kann, wird Gideon Klein, zusammen mit all den wunderbaren Künstlern nach Auschwitz verlegt. Während seine Freunde und seine Mutter tags darauf vergast werden, wird er zur Grubenarbeit nach dem nahe gelegenen Fürstengrube geschickt. Die Erstürmung durch die Rote Armee rückt näher, und am Tag der Befreiung von Auschwitz wird der Häftling Klein von einem fliehenden Wachsoldaten erschossen.

© CC BY – SA 4.0

Das Philharmonische Streichtrio spielt Gideon Klein:

Quellen:

Dokumente aus „musica-reanimata.de“

Dümling Albrecht (Hrsg.) „Torso eines Lebens…“
Neumünster (Bockel Verlag) 2021

musica concntrationaria – bei „Musikstrasse.it“

Dokumente der „Terezin Musik Foundation“

Titelbild (Ausschnitt):

Stolperstein für Gideon Klein
Wikimedia Commons, gemeinfrei

3. November 2021 || ein Beitrag von Josef Zemp, Studium der Romanistik und Musikologie in der Westschweiz und in Frankreich (Doktorat). Parallel dazu Berufsausbildung am Konservatorium (Cello und Klavier) – Cello-Diplom.

Geboren in einer Familie von Amateur-Musikern. Volksmusikforschung in Madagaskar, danach Unterricht am Gymnasium (französische Sprache und Literatur, Musik). Leitung von Weiterbildungskursen für Gymnasiallehrer. Publikationen in Feuilletons und Zeitschriften zur französischen Literatur. Vortragsreihen an Volkshochschulen zu Literatur und Musikgeschichte.