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Auf ein Wort mit Christine Kempynck und Barbara Pabst

Dialog, Verständigung und geglückte Kommunikation sind für Christine Kempynck und Barbara Pabst Lebens- und Herzensthemen. Dabei haben beide ganz unterschiedliche Wege genommen: Nach vielen Jahren in der Finanzbranche und einer zweiteiligen Ausbildung am institut dialog transnational hat sich Christine Kempynck 2017 als Dialog- und Open-Space-Facilitator selbständig gemacht. Sie sieht im Dialog den Schlüssel zu einem Kommunikationsraum, in dem wir auch viel über uns selbst lernen können. Barbara Pabst hat ebenfalls eine Ausbildung Dialog-Facilitator am institut dialog transnational absolviert. Die Erwachsenenbildnerin arbeitet aber in der Abteilung Jugendseelsorge des Erzbistums Köln. Sie fasziniert die Möglichkeit, im Dialog Neues zu denken und auf diese Weise einer komplexen Welt schöpferisch zu begegnen. Die beiden leiten am 22. und 23. November 2019 den  Workshop: Nutze die Gruppenintelligenz – Neues entwickeln im Dialog nach David Bohm.

 

Warum ist Kommunikation so interessant, dass Sie sich beruflich mit ihr beschäftigen?

Christine Kempynck:
Es gibt viele Formen der Kommunikation: diskutieren, debattieren, sich austauschen, erörtern, einen Sachverhalt zur Sprache bringen, eine Empfindung mitteilen, überzeugen, Dialog… Die meisten dieser Kommunikationsformen, sind linearer Natur: Ein Wort folgt dem nächsten. In den meisten Fällen wird argumentativ eine Meinung im besten Fall geäußert, doch meist wird die eigene Position verteidigt. Bildlich gesprochen ist es wie beim Tischtennis: Die Bälle wechseln das Terrain, die Spielenden bleiben jedoch in ihrem Gebiet verhaftet.
Für mich fängt Kommunikation an, sobald es bei einer Begegnung zu einem Austausch kommt, sowohl verbal, als auch nonverbal. Wir sind immer in Kommunikation mit unserer Umwelt und die Umwelt mit uns, ob bewusst oder unbewusst. Daher ist die Frage: „Wie möchte ich kommunizieren“ für mich zentral.Der Dialog nach Bohm ist meine Antwort auf die Frage nach dem „Wie“. David Bohm betrachtet Dialog als einen räumlichen Austausch. Die Gesprächspartner versuchen sich und das vom Partner Geäußerten (nicht den Partner) zu erkunden. Diesen Kommunikationsraum bilden die Teilnehmer, das heißt alle im Raum haben eine gleichberechtigte Position. Indem die Teilnehmenden das Gesagte erstmal auf sich wirken lassen, können sie neue Sichtweisen entdecken.  Alle Partizipierenden des Dialogs sind Teil des Prozesses, egal ob aktiv oder passiv. Erst durch diesen Raum des Mitteilen entsteht eine geistige Bewegung von dir zu mir und umgekehrt. Im Dialog ist der Weg das Ziel, der Austausch bringt uns, durch das Hören und Wirken lassen des Gehörten, zu uns bis dato unbekannten Ufern. Daraus entstehen neue Ideen, Möglichkeiten, Betrachtungen und Sichtweisen.

Barbara Pabst:
In der Tat kommunizieren wir immer. Ich finde es unglaublich spannend, verstehen zu lernen, wie Menschen miteinander kommunizieren. Es lässt mich Menschen besser verstehen und die Komplexität der Welt entschlüsseln – zumindest hoffe ich das.

Gibt es gute und schlechte Kommunikation?

Christine Kempynck:
Ein Messer kann ein Brot teilen oder auch als Waffe benutzt werden. Es ist mit Kommunikation ähnlich, das „Wie“ entscheidet über den Verlauf.

Kann man Kommunikation also lernen?

Barbara Pabst:
Sicherlich kann man lernen, wie man mit der richtigen Kommunikation das Ziel erreicht. Entscheidender finde ich aber, dass ich weiß, was ich erreichen möchte. Im Dialog sollten wir uns das immer wieder bewusst machen: Um was geht es gerade eigentlich? Reden wir noch über dasselbe? Haben wir gleiche oder unterschiedliche Ansichten? Und das kann jeder und jede lernen und einüben.

Haben Sie persönlich ein Erlebnis mit besonders gelungener Kommunikation, an das Sie sich gerne erinnern?

Christine Kempynck:
Ja, und dies wünsche ich allen. Auf einer Reise haben sich völlig unterschiedliche Menschen kennengelernt. Am Tag vor der Abreise haben wir den Abend zusammen verbracht und zunächst über „Gott und die Welt“ und dann über Politik gesprochen. Die zum Teil konträren Meinungen wurden nur noch in Form eines Schlagabtauschs geäußert.  Die meisten Teilnehmenden verfolgten das Gesamte schweigsam, das Gespräch verlief nur noch zwischen Einzelnen. Dann ergriff eine der schweigsameren Personen das Wort und erklärte, dass sie mit dem gerade Erlebten wenig anfangen konnte, da es ihrer Meinung nach eher darum ging, Recht zu behalten als wirklich Meinungen auszutauschen. Von da an nahm das Gespräch eine andere Richtung. Jeder einzelne wurde gehört, und der Blickwinkel jedes einzelnen Mitwirkenden wurde im Laufe dieses spontanen Dialogs verändert.  Es entstand ein neuer Kommunikationsraum, in dem eine Konsensfindung an einigen Punkten erreicht wurde, an andere eher nicht, aber dies war sekundär. Es war für mich ein schönes Beispiel der dialogischen Kommunikation einer Gruppe von Menschen, die nicht auf ihren eigenen Positionen beharrten sondern gemeinsam nach Lösungen suchten.

Barbara Pabst:
Das Gespräch mit unserem Gemeindepfarrer vor der Taufe meiner Tochter. Wir hatten unterschiedliche Auffassungen, wie die Taufe gestaltet sein sollte. Das Gespräch war von viel Respekt für die Ansichten des anderen geprägt und endete nicht mit einem Kompromiss, eher mit etwas Neuem, an das wir beide vorher gar nicht gedacht haben, was aber die perfekte Lösung war.

Wenn Sie auf die aktuelle Situation der Kirche schauen: Welchen Tipp in Sachen Kommunikation würden Sie geben?

Christine Kempynck:
Für mich als Außenstehende ist eine Kursänderung, wie auch immer gewünscht, nur möglich, wenn klar ist, was Krisenpunkte sind. Die Beteiligten müssen diese Punkte zuerst bei sich erkennen, bevor sie in der Lage sind, diese klar zu äußern. Eine radikale Authentizität mir und dem anderen gegenüber ist notwendig. Dies erfordert großen Mut auf der einen Seite und auf der anderen respektvolle Offenheit.

Barbara Pabst:
Klarheit der eigenen Ziele, Absichten und Wünsche. Einen Austausch darüber auf Augenhöhe und jede Menge Vertrauen in das Wort des Anderen.

Liebe Frau Kempynck, liebe Frau Pabst, wir danken Ihnen für das Gespräch und sind gespannt auf die Veranstaltung diesen Monat!

Dr. Matthias Lehnert,  Referent der Thomas-Morus-Akademie Bensberg im Gespräch mit Barbara Papst und Christine Kempynck.
Zusammen mit den beiden Referentinnen leitet er vom 22. bis 23. November 2019 den Workshop: Nutze die Gruppenintelligenz – Neues entwickeln im Dialog nach David Bohm.