Liberté, Égalité, Fraternité – eine Liebeserklärung an die Grande Nation

Liberté, Égalité, Fraternité: Mit diesem Schlachtruf stürmte am 14. Juli 1789 eine aufgebrachte Volksmenge die Bastille, das verhasste Staatsgefängnis von Ludwig XVI. im Pariser Osten. Von diesem Tag an nimmt die Geschichte ihren Lauf.

Der Beginn der französischen Revolution als Blogbeitrag? Mais non! Das Datum hat uns in der letzten Redaktionssitzung vielmehr dazu angeregt, unsere ganz persönlichen Gedanken und Geschichten zu unserem geliebten Nachbarland und seinem Nationalfeiertag auszutauschen …

Sandra Gilles, Teamleiterin im Referat Ferienakademien:
„Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst.” Als ich dieses Zitat von Ernest Hemingway das erste Mal las, dachte ich: Endlich hat jemand in Worte gefasst, was ich für Frankreich empfinde!

Getrieben von einer ordentlichen Portion jugendlicher Naivität gepaart mit dem Gefühl, vielleicht eine einmalige Chance zu verpassen, hat es mich nach dem Abitur für ein Jahr nach Paris verschlagen. Den französischen Nationalfeiertag habe ich damals leider gleich zwei Mal knapp verpasst. Viel wichtiger für mich ist jedoch all‘ das, was in den Monaten dazwischen passierte: Ich fand in Paris ein Zuhause.

Jede freie Minute habe ich damals genutzt, um mit der RER in die Innenstadt zu fahren, durch Parks  und über Brücken zu flanieren. Museen haben mich damals nicht interessiert – und das war rückblickend gut so! In einer Metropole, die nicht gerade bekannt ist für die Offenheit seiner Bewohner, muss man sich viel Zeit nehmen, um die Menschen und die Stadt zu verstehen. (Neben den ausgedehnten Spaziergängen durch die Stadt hat mir damals noch etwas geholfen: die Nähe zu den französischen Kolleginnen und Kollegen. Wenn Sie verstehen möchten, wie „der Franzose“ tickt, sollten Sie die Mittagspause mit ihm verbringen. Anfangs noch eine regelrechte Tortur für mich, sollte es bald eine liebgewonnene Tradition werden, die ich nicht mehr missen wollte.)

Seitdem ist die französische Sprache Musik in meinen Ohren. Wenn ich die Marseilleise höre, stellen sich mir alle Nackenhaare auf. Bei den Anschlägen vom Januar und November 2015 habe ich ebenso gelitten wie beim Attentat von Nizza am Nationalfeiertag 2016. Der Brand der Kathedrale von Notre-Dame im April 2019 hat mich fassungslos auf den Bildschirm starren lassen. Neben dem persönlichen Entsetzen hat mich vor allem eines bewegt: das Wissen, wie tief diese Ereignisse in das Herz eines jeden Franzosen und jeder Französin schneiden würden.

So wundert es nicht, dass aus dieser tiefen Liebe zur Grande Nation viele weitere Reisen in das Nachbarland folgten. Im Sommer 2015 dann zuletzt endlich auch nochmal zum Nationalfeiertag. Schon an herkömmlichen Wochenenden wundert man sich im supermarché gelegentlich, für wie viele Familien respektive Wochen der französische Landsmann vor einem wohl einkaufen mag. Aus meiner Zeit in Paris weiß ich: es ist nur eine Familie und es ist lediglich der normale Wochenendeinkauf. Der Besuch des Supermarktes am Tag vor dem Nationalfeiertag gleicht daher in der Tat ein wenig dem Sturm auf die Bastille und wird genau deswegen von uns – wenn es irgendwie geht – gemieden. Den Feiertag an sich verbringen wir wiederum wie die meisten Franzosen bei einem entspannten Ausflug mitsamt Picknick am Meer und vor allem: ohne Stress!

Heute vor sechs Jahren gab es in einem normannischen Bauernhaus zudem gleich doppelten Anlass zur Freude: Am Morgen des 14. Juli 2015 erreichte mich die Nachricht, dass ich (Paten)Tante eines kleinen Matthias geworden bin! So gab es an diesem Tag zwar kein großes feu d’artifice am Himmel, aber immerhin ein kleines Feuerwerk im Herzen …

Matthias Lehnert, Akademiereferent:
Sommer 1989
Familie Lehnert reist in den Sommerferien an die Cote d’Azur. Mein Vater ist Lehrer für Französisch und Geschichte, weshalb in diesem Jahr ein Ereignis fett in seinem Kalender angestrichen ist: Bicentenaire de la Révolution! Den 200. Jahrestag des Sturms auf die Bastille werden wir in Frankreich verbringen. Die Familie erhält eine kleine Privatlektion, die mein Bruder (damals neun Jahre alt) und ich (damals elf Jahre alt) begeistert aufnehmen. Die üblichen Cowboys und Indianer, die sonst wichtigste Sujets unserer Zeichnungen sind, bekommen in diesem Sommer Verstärkung durch ganze Heerscharen von Sansculotten. Auf unseren Bildern wimmelt es jetzt von phrygischen Mützen, Kokarden, Trikoloren.

Mein Vater motiviert uns, Postkarten an uns selbst zu schreiben. Sie sollen Eingang in die von ihm gepflegten Fotoalben finden. Er möchte dazu die von der Republik Frankreich herausgegebenen Sonderbriefmarken erstehen, auf denen jeweils eine allegorische Darstellung von Freiheit, Gleichheit oder Brüderlichkeit zu sehen ist. Ich hoffe sehr auf die „Freiheit“ mit phrygischer Mütze, Pike und der Deklaration der Menschenrechte oder auf die „Gleichheit“ mit Liktorenbündel und der Setzwaage der Freimaurer. Leider sind beide Motive schon ausverkauft, so dass für uns nur die fraternité, die Brüderlichkeit, übrigbleibt. Etwas enttäuscht kleben wir die Dame mit den beiden Kindern – eines weiß, eines schwarz – auf unsere Karten.

Frühjahr 2001
Als Student der Politikwissenschaft bin ich in Amerika. Auf einer Party entbrennt zu später Stunde eine Diskussion, welcher der drei Begriffe aus dem Schlachtruf der Französischen Revolution der wichtigste sei. Ein Freund ergreift Partei für die Gleichheit, ohne die es keine echte Freiheit geben könne. Ein anderer Kommilitone spricht sich leidenschaftlich für die Freiheit aus, ohne die jede Gesellschaft zur Diktatur entarte. Dann muss ich mich bekennen und versuche – in Erinnerung an mein Erlebnis aus dem Jahr 1989 – eine Lanze für die Brüderlichkeit zu brechen. Das geht gründlich schief: Ich könne für die Gleichheit optieren, dann sei ich Sozialist. Oder ich könne die Freiheit wählen, dann sei ich Liberaler. Aber die Brüderlichkeit dürfe ich auf gar keinen Fall favorisieren, denn sie führe geradewegs in den Mief und die Unmenschlichkeit der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft. Ich kann mich nicht erfolgreich zur Wehr setzen, denke aber noch lange über den Zielkonflikt zwischen Freiheit und Gleichheit nach, den doch irgendwie nur die Brüderlichkeit harmonisch auflösen kann. Da erscheint es mir plötzlich seltsam und irgendwie auch bezeichnend, dass im Sommer 1989 die Briefmarke mit der Brüderlichkeit offenbar ein Ladenhüter in den Tabac-Läden war.

Herbst 2017
Ich lese „A Guide for the Perplexed“ des deutsch-englischen Ökonomen E.F. Schumacher (dt. „Rat für die Ratlosen. Vom sinnerfüllten Leben“), ein etwas trockenes, teilweise auch merkwürdiges Buch. Erst gegen Ende finde ich eine Passage, die mich elektrisiert: „Ich weiß nicht, wer den Schlachtruf der Französischen Revolution geprägt hat, aber er muss ein Mensch von seltener Einsicht gewesen sein. Zum Gegensatzpaar liberté versus egalité, die in der gewöhnlichen Logik unvereinbar sind, fügte er einen dritten Faktor oder eine dritte Kraft hinzu – fraternité, die Brüderlichkeit -, die von einer höheren Ebene kommt. Wie können wir erkennen, dass sie von einer höheren Ebene kommt als liberté oder egalité? Diese können durch gesetzgeberische Maßnahmen und mit Zwangsgewalt eingeführt werden, aber fraternité ist eine menschliche Qualität außerhalb der Reichweite von Institutionen, jenseits der Ebene der Manipulation. Sie kann erreicht werden und wird auch oft erreicht, aber nur indem einzelne Personen ihre eigenen höheren Kräfte und Fähigkeiten bemühen, kurz: indem sie bessere Menschen werden.“ (S. 138-139). Das ist genau, was ich viele Jahre zuvor ausdrücken wollte!

Die Brüderlichkeit gleicht das Spannungsverhältnis von Freiheit und Gleichheit aus: Jede Gesellschaft setzt eine gewisse Bereitschaft voraus, sich auch dann an ihre Regeln zu halten, wenn man ohne diese Regeln mehr erreichen könnte. Wenn alle immer nur nehmen wollen, aber nie zu geben bereit sind, kann es nicht funktionieren. Ebenso gilt aber auch: Ohne eine gewisse Akzeptanz von Unterschieden erstickt eine Gesellschaft. Woher stammt aber die menschliche Qualität, Unterschiede auszuhalten, ja, vielleicht sogar freundschaftlich zu begrüßen? Und worin wurzelt die gelassene Bereitschaft, sich zugunsten anderer auch mal mit weniger zu begnügen? Sie ahnen es: Beide Haltungen gründen in dem Bewusstsein, dass die anderen nicht Fremde oder gar Feinde, sondern Geschwister, Brüder sind. Wo diese Einsicht verbreitet ist, kommt eine Gesellschaft mit wenig Zwang aus, werden die Stärkeren ihre Freiheiten nicht ausreizen und die Schwächeren nicht missgünstig nach vollständiger Gleichmacherei rufen.

Darum also heute mehr denn je: Liberté! Egalité! Fraternité!

Bilder

Montpellier, 14. Juli 2018: Pierre Herman auf Unsplash, gemeinfrei
La Prise de la Bastille von Jean-Pierre Houël (1789), wikimedia commons, gemeinfrei
Feuerwerk in Paris, 14. Juli 2013: Yann Caradec auf Flickr (CC BY-SA 2.0)
Sonderbriefmarke 1989: https://www.wikitimbres.fr/

14. Juli 2021 || ein Beitrag von Sandra Gilles und Dr. Matthias Lehnert