Auf ein Wort mit … Valentin Dessoy

Lieber Herr Dr. Dessoy, seit 2009 findet alle zwei Jahre in der Thomas-Morus-Akademie der Strategiekongress statt. Er wird veranstaltet in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Partnern, aktuell mit kairos, Coaching, Consulting, Training Mainz, dem Strategiebereich 1, Ziele und Entwicklung im Bischöflichen Generalvikariat Trier, der Evangelischen Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) und der XIQIT GmbH. Der 7. Strategiekongress wurde von der zap:stiftung Bochum unterstützt und fand am 7.-8.12.2022 statt. Er hatte das Thema „Auflösung. Kirche reformieren, unterbrechen, aufhören?“. Dieses Thema kann nicht aktueller sein, da es in diesen Zeiten einen beschleunigten Prozess der Kirchenauflösung gibt.

Welche Gründe machen Sie für die aktuelle Situation aus?

Wir hören gerade von neuen Zahlen zum Kirchenaustritt 2022. In der Erzdiözese Freiburg liegen die Austritte 40% über denen des letzten Jahres. Ähnliche und noch stärkere Austrittszahlen werden aus anderen Regionen, insbesondere NRW genannt. Deutschlandweit wird die Katholische Kirche im Jahr 2022 über eine halbe Million Mitglieder verloren haben. Es zeigt, dass der Kipppunkt überschritten ist, wie es Gerhard Wegner, der ehemaligen Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, auf dem Kongress (mehr Informationen: Dokumentation), und Detlev Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster nach dem Strategiekongress in seinem Interview mit katholisch.de formuliert haben.

Die Gründe für die Entwicklung sind vielfältig. Als erstes denkt man an Missbrauch und Vertuschung. Beides ist zunächst mal und vor allem für die Opfer eine Katastrophe. Betrachtet man die Wirkung auf die Kirche, so kann man zwar deutliche Auswirkungen beobachten, gerade in der aktuellen Lage von Kirche, es ist aber nicht die Ursache des Auflösungsprozesses. Der deutet sich schon ganz lange an. Die Katholische Kirche hat wesentliche Errungenschaften der Epoche der Aufklärung, z.B. Geschlechtergerechtigkeit, Bewertung von Sexualität oder Gewaltenteilung und Partizipation bis heute nicht nachvollzogen und integriert. Das sind – um es in Marketingkategorien auszuzudrücken – sog. Basismerkmale oder K.-o.-Kriterien, wie beispielsweise das Vorhandensein eines Bettes im Hotel. Wenn solche Kriterien nicht erfüllt sind, führt das zu massiver Unzufriedenheit (gehen Sie noch einmal in ein Hotel ohne Betten?). Sind sie vorhanden, erhöht das aber nicht die Zufriedenheit, da müssen Leistungs- und Begeisterungsmerkmale dazukommen. Sie kennen den bisherigen Verlauf des synodalen Weges, der ein Versuch darstellt, zumindest die gröbsten Brocken aus dem Weg zu räumen. Viele ahnen, wie es weitergehen wird.

Die Bedingungen für den beobachtbaren epochalen Wandel liegen m.E. noch tiefer. Die Kirche hat in den zurückliegenden 40 Jahren immer mehr den Kontakt zu den Menschen verloren. Sie gibt permanent Antworten auf Fragen, die keiner hat. Die Menschen brauchen sie nicht mehr, ihr religiöses Bedürfnis hat sich verändert. Dieser Shift betrifft beide Kirchen und bewirkt einen grassieren Relevanzverlust. Und noch immer werden die Ressourcen v.a. in die Reproduktion von Formen und Strukturen gesteckt, die erkennbar ans Ende gekommen sind, deren Nutzung spätestens dann den Nullpunkt erreichen wird, wenn auch die Printmedien eingestellt werden, weil die Generation, die damit groß geworden ist, gestoben sein wird (+/- 2035).

Welche Rolle spielt der gesellschaftliche Wandel, in dem wir uns befinden?

Als dritten Aspekt möchte ich hinzufügen, dass sich unsere Gesellschaft selbst in einem tief-greifenden Umbruch befindet, der sich zunehmend beschleunigt. Der Fortschritt der Infor-mationstechnologie hat heute einen vergleichbaren Effekt, wie die Erfindung des Buchdrucks, der wesentlich das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit ausgelöst hat. Gesellschaftliche Formationen gerieten damals ins Wanken und es entstand eine völlig neue Form des Miteinanders, die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft, wie wir sie kennen. Ähnlich – so sagen es Soziologen wie Dirk Baecker – ist die Konstellation heute. Sie sprechen davon, dass wir an der Schwelle „zur nächsten Gesellschaft“ stehen. Dieser Umbruch hat massive Konsequenzen für alle gesellschaftlichen Funktionssysteme, Politik, Wirtschaft, etc. und auch Religion. In der nächsten Gesellschaft wird Religion nicht mehr so organisiert, wie es die Kirchen in den zurückliegenden Jahrhunderten getan haben. Die Institution selbst steht zur Debatte. Helmut Zander spricht von einem Shift „religionskultureller Grammatik“: Religion löst sich zunehmend von der Institution (Zander, H., Die nächste Stufe der Säkularisierung, in: Herder Korrespondenz, 1/2023.36-39).

Die Zukunft der Kirchen als Organisation ist ungewiss. Der Übergang zu einer nächsten Kirche in veränderter Gesellschaft wird sprunghaft sein. Der Erfolg ist nicht ausgemacht. Die Furcht vor Spaltung wie zu Zeiten der Reformation ist nicht unbegründet. Im Gegenteil, viel spricht dafür. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es diesmal, der gesellschaftlichen Logik folgend, viele kleine Fragmente sein werden.

Der Kongress hat sich vor allem damit auseinandergesetzt, wie auf diese Situation zu reagieren ist. Gibt es eher Bestrebungen, die Hülle zu erhalten oder gibt es gar keine Hoffnung mehr? Wie war die Einschätzung der Kongressteilnehmenden?

Die Erfahrung des Kongresses war für mich sehr beeindruckend. Ihm lag die Idee zugrunde, über das Design Menschen, die an Kirchenentwicklung arbeiten oder daran interessiert sind, an die Idee heranzuführen, dass eine stetig-lineare Transformation auf Basis des Steuerungsparadigmas mit schrittweisen Anpassungen nicht mehr möglich ist. Zugleich wollten wir dazu einzuladen, sich experimentell auf einen disruptiv-sprunghaften Weg des Loslassens einzulassen, bei dem nicht gesichert ist, was am Ende dabei herauskommt, und das, was dann emotional passiert, sichtbar und besprechbar zu machen. Es hat zu völlig verschiedenartigen Reaktionen geführt. Von Begeisterung über Irritation bis zu Ablehnung. Ein großer Teil derjenigen, die aktuell an Veränderungen arbeiten, glaubt, man habe das im Griff und könne es noch regeln, zugleich wissend, dass die Zeit nicht mehr reicht. Ähnlich wie beim Klimaschutz: Mit zunehmender Dynamik wird die Situation immer unübersichtlicher. Es fällt immer schwerer, gemeinsam einen roten Faden für das übergeordnete Ganze zu finden. Die Fragmentierung geht auch dort mit hohem Tempo weiter.

Wie gehen Verantwortliche in Kirche mit der Krise um? Zeigt sich in dieser Situation, was wesentlich ist und können Kirchenmitglieder sich auf das verständigen, was bleiben soll? Und wenn es so wäre, wie werfen sie all das von Bord, was sie hindert, dem Kern Raum zu geben?

Im Kontakt mit Verantwortungsträger:innen erlebe ich es nicht anders. In persönlichen Gesprächen und hinter vorgehaltener Hand wird sehr klar über den anstehenden Zusammenbruch geredet. Zugleich sind alle Reformprozesse weiterhin dem Modernisierungsparadigma verpflichtet und zumeist stetig-linear angelegt. Die Evangelische Kirche ist da allerdings in Teilen deutlich weiter, wie eine Befragung von Diözesen und Landeskirchen im Vorfeld des Kongresses gezeigt hat. Einige Landeskirchen haben sog. Erprobungsräume eingerichtet, in denen gezielt experimentiert wird. Inwieweit dies geschieht, und ab die bereitgestellten Ressourcen genügen, wird sich zeigen. Mit einem schnellen Zusammenbruch der Organisation rechnen die Bistümer und Landeskirchen offiziell nicht. Er ist auch nicht im Risikomanagement verankert. Es gibt – soweit ich das aus der Ferne beurteilen kann – keine Überlegungen, wie ein solcher disruptiver Prozess eingebettet oder gestaltet werden könnte, damit wenigsten der kommunikative Zusammenhang als System Kirche nicht gänzlich verloren geht.

Braucht es überhaupt Kirche oder wie lässt sich Kirche alternativ, radikal neu denken?

Es braucht Kirche, wenn sie gebraucht wird. Ansonsten ist sie irrelevant. Wofür sie gebraucht wird, lässt sich nicht deduktiv aus dem Bisherigen herleiten. Die Versuche dieser Art sind gescheitert oder ohne Systemrelevanz geblieben. Es lässt sich nur induktiv und experimentell feststellen, was zukünftig gehen kann. Die Antwort darauf wird mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr divers und fluide sein. Sicher wird es eine andere Form der Organisation sein. Womöglich reicht es auch gar nicht mehr zu einer Organisation, wie man sie sich traditionellerweise vorstellt (auf Dauer gestellt, von den Personen losgelöst …). Dann bliebe Kirche als System oder Kommunikationszusammenhang, Menschen, die in unterschiedlicher Form miteinander auf dem Weg sind und auf eine spezifische Weise miteinander über Gott und die Welt zu sprechen („Bekenntnisgemeinschaft“). Oder selbst dazu reicht es nicht mehr, weil die Fragmentierung noch weitergeht. Dann könnte am Ende ein lockeres Netzwerk stehen von Menschen/Gruppen, die sich auf das Ursprungszeugnis, die Frohe Botschaft beziehen, deren Sprachspiele aber ganz unterschiedlich sind. Das wäre noch nicht einmal das Schlechteste.

Ulrich Engel formuliert es zum Schluss seiner Predigt so: „In diesem Sinne lade ich Sie ein: Fixieren Sie sich nicht allein auf die Auflösung althergebrachter Kirchenstrukturen. Weder lustvoll noch angstbesetzt. Machen Sie sich stattdessen anderswo auf die Suche: nach Gottespartikeln inmitten unserer vielgestaltig diversen Welt. Ich habe Hoffnung, dass wir da überraschend fündig werden könnten.“

Lieber Herr Dr. Dessoy, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview führte Andreas Würbel, Akademiereferent.

Dr. Valentin Dessoy ist Dr. phil., Dipl.-Psych., Dipl.-Theol. Er ist Geschäftsführer von kairos – Coaching, Consulting, Training mit Sitz in Mainz; Gesprächspsychotherapeut (GwG), Familientherapeut (IFW), Trainer, Supervisor (BDP), SeniorCoach (BDP) und Organisationsberater; Schwerpunkte: strategische Organisations- und Personalentwicklung, Führungskräfte-coaching, Innovation und Prozessoptimierung, Mediation und Konfliktmanagement, wissenschaftliche Projektbegleitung und Evaluation.

Autor und Herausgeber einschlägiger Veröffentlichungen in den Bereichen Führen und Leiten, Strategie-, Organisations- und Personalentwicklung, Initiator und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift futur2; Initiator und Mitveranstalter der Kongressreihe „Strategie und Entwicklung in Kirche und Gesellschaft“.

Einmal im Monat erscheint „Auf ein Wort mit…“ und stellt interessante und engagierte Personen vor, mit denen die Akademie auf unterschiedliche Weise verbunden ist. Gesprochen wird über Gott und die Welt, über Kunst und Kultur, über Aktuelles aus Gesellschaft und Kirche ….

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5. Februar 2023 || ein Gespräch mit Dr. Valentin Dessoy, Dr. phil., Dipl.-Psych., Dipl.-Theol., Geschäftsführer von kairos – Coaching, Consulting, Training mit Sitz in Mainz