Bernhard Rotterdam (1893-1974) – Architekt für Bensberg

© Stadtarchiv Bergisch Gladbach

Bernhard Rotterdam kam am 8. Februar 1893 als ältestes von zwölf Kindern in Langenfeld-Immigrath zur Welt. Bereits als 17-jähriger trat er der Staatlichen Baugewerkschule Köln bei. Ein Hochschulstudium der Architektur absolvierte er 1922-25 an der Düsseldorfer Kunstakademie als Meisterschüler Emil Fahrenkamps. Die Beauftragung mit dem Bau des Priesterseminars in Bensberg bezeichnete Rotterdam als „entscheidende Wendung meines Lebens“.

© Ritter-pitter, CC BY-SA 3.0

Rotterdams Hauptschaffen galt dem katholischen Kirchenbau. St. Paulus in Langenfeld-Berghausen (1926) (s. Bild) darf aufgrund der am malerischen Expressionismus geschulten grellen Farbigkeit im Innern als sein markantestes Objekt gelten. Trotz der Meisterstudien bei Fahrenkamp finden sich bei Rotterdam aber kaum Anleihen am Neuen Bauen, sieht man von einer gewissen Vorliebe für niedrige kubische Schiffannexe ab, wie er sie seit der Bensberger Seminarkapelle noch in seinen Kirchenbauten der 1950er/60er Jahre gerne anbrachte und wie solches 1929 mustergültig von Rudolf Schwarz in der Aachener Fronleichnamskirche vorgestellt wurde. Rotterdam folgte zwar beständig den Stil- und Materialentwicklungen seiner Zeit und damit den für den modernen Nachkriegskirchenbau ausschlaggebenden liturgischen Änderungen. Seine Bauten lassen aber insgesamt eine konservative, dem sogenannten Heimatstil immer verhaftet bleibende Tendenz erkennen. Seine Bauten gewinnen deutlich, wenn es zur Zusammenarbeit zwischen ihm und renommierten Glaskünstlern kam. Hier sind vor allem St. Michael in Wipperfürth-Neye (1956-57 mit Paul Weigmann), St. Michael in Solingen (1957-58 mit Georg Meistermann) und St. Ludwig Maria Grignion von Montfort in Marienheide (1961-63 mit Franz Pauli) zu nennen.

© Markus Eckstein

St. Michael, Wipperfürth-Neye, 1956-57

© A.Savin, CC BY-SA 3.0

St. Joseph, Moitzfeld, 1946-53

© Pingsjong, GFDL

St. Maria Königin, Bergisch Gladbach-Frankenforst

Der aus einem Wettbewerb 1924 hervorgegangene und 1926 bis 1929 realisierte Entwurf für das Kardinal-Schulte-Haus zeigt einen souveränen Umgang mit traditionellen und zeitgenössisch modernen Bauformen. In Material und Kubatur war Rotterdam den keinen bestimmten Stil vorschreibenden Anforderungen des Wettbewerbs und somit aktuellen, den Historismus hinter sich lassenden Tendenzen gefolgt. Dennoch hatte er auch historisierende Stilelemente von der Romanik bis zum Spätbarock eingebunden. Da er diese für sich recht unterschiedlichen Formgestaltungen aber voneinander separierte, wirkt der Bau nicht eklektizistisch. Hier zeigte ein junger Hochschulabsolvent, dass er seine Stilkunde-Lektionen gelernt und in seinem ersten großen Bauprojekt anzuwenden wusste.

© Pingsjong, GFDL

Dem Wettbewerb entsprechend besteht das Kardinal-Schulte-Haus aus einem Vierflügelbau nebst Schwesternhaus und Wirtschaftstrakt. Die Hanglage des etwa 30 m oberhalb der Overather Straße gelegenen Baugrunds kommt der geforderten unterschiedlichen Flügelhöhe entgegen, da hierdurch der niedrigere, aber höher am Hang gelegene Flügel gegenüber den vorderen vergleichbare Firsthöhen erreicht. Die Putzfassaden sind mit Ausnahme des rückwärtigen Kapellenflügels aber erst ab dem ersten Obergeschoss angelegt. Sockelbau, Erdgeschoss, Terrassenmauern sowie das an der Straße gelegene Torhaus wurden mit Werksteinen aus Bergischer Grauwacke aufgeführt. Mit diesem von hellgrau bis dunkelbraun changierenden Naturstein leistete Rotterdam einen Beitrag zum „Heimatstil“, der in den ersten Dekaden des 20. Jh. Verbindungen zwischen regionaltypischer, traditioneller Architektur und modernen Bauformen suchte.

Die Fassaden des Kardinal-Schulte-Hauses werden durch den Dreiklang von Grauwacke, sandfarbenen Putzwänden und den aus grünem Anröchter Sandstein gemauerten Fenstern mit den zeittypisch kleinteiligen, querrechteckigen Sprossenflügeln bestimmt. Geradezu imposant wirkt die Mittelachse der Schauseite. In der Breite abnehmend und so den Höhenzug verstärkend sind die beidseitig abwinkelnde Sockeltreppe, die fünfbogige, seitlich zu Altanen ausgeweitete Pfeilerportikus und der dreigeschossige Mittelrisalit mit neoklassizistischem Dreiecksgiebel aus Anröchter Stein optisch übereinandergesetzt. Das Christusmonogram mit Alpha und Omega („Ich bin der Anfang und das Ende“, Offb 22,13) im Giebelfeld verbindet sich mit der Erzengel-Michael-Figur von Karl Menser über dem Treppenabsatz zur Thematik des Jüngsten Gerichts. Die Giebelinschrift ERITIS MIHI TESTES („Ihr werdet meine Zeugen sein“, Apg 1,8) ist wohl als Appell zur vorbereitenden Teilhabe der Seminaristen an diesem Geschehen zu verstehen.

Barocke Formen finden sich – korrespondierend mit den Kuppelhauben des Bensberger Schlosses – in den Zwiebel- und Walmformen der Dächer. Während der rückwärtige Flügel mit dem risalitartig vorspringenden ehemaligen Kapellenbau, den achtseitigen Ecktürmchen und den beiden Eckrisaliten insgesamt als neubarock zu bezeichnen wäre, finden sich an den Stirnseiten des vorderen Flügels jeweils zwei im 45°-Winkel ansetzende Eckausluchten. Dies sind Elemente, die im Zuge des Neuen Bauens entwickelt wurden.

© Markus Eckstein

Vorhalle und Vestibül

© Markus Eckstein

Rechter Flügelgang Eingangsseite

Ein Potpourri aus Stilformen erwartet den Besucher im Innern. Er betritt es über eine Vorhalle, die Rotterdam mit einer Art Kölner Decke (Putzbalkendecke des 16. bis 18. Jh.) versah. Das in die Kreuzgangflügel und zum rückwärtigen Treppenrisalit vermittelnde Vestibül ist dagegen mit einer eher als nachgotisch zu bezeichnenden, mit Stich- und Schulterkappen versehenen Rabitz-Segmentkuppe überfangen. An die Baukunst der Romanik lehnen sich die kreuzgratgewölbten Flügelgänge an. Dreibogige Fenster, darin die originale grisaille-getönte Echtantikverglasung, durchlichten sie. Die schiffeinteilenden Säulen aus blankem Andesit in den Flügelhallen versah Bildhauer Flosdorf aus Köln mit art-decóhaft stilisierten Akanthus-Kapitellen. Die Kapitelle der rückwärtigen Flügelhalle zeigen vier Propheten, die Evangelisten und die vier lateinischen Kirchenväter.

Rotterdams anfänglicher Stilpluralismus war in verschiedenen, durch Beschädigungen oder Umbaumaßnahmen teils nicht mehr erhaltenen Räumen in besonderer Weise ausgebildet. Das Refektorium (auch heute Speisesaal) besitzt immer noch seine „echte“ Kölner Decke. Der über dem ehemaligen Ritussaal (heute Thomas-Morus-Kapelle) gelegene Kleine Hörsaal war mit einem fächerartig quergerippten Spitztonnengewölbe versehen. Diese ausdrucksstarke Deckenform war vermutlich durch Rotterdams eigenen Kirchenbau – St. Engelbert in Leverkusen-Pattscheid – von 1928 angeregt. St. Engelbert dürfte wiederum in der 1927/28 erbauten St. Apollinaris-Kirche von Dominikus Böhm in Lindlar-Frielingsdorf – eine Inkunabel des modernen, „expressionistischen“ Kirchenbaus – ihr direktes Vorbild haben.

© Archiv des Erzbistums Köln

Ehemalige Seminarkapelle, heute Raum K1, aus: Das neue Priesterseminar der Erzdiözese Köln in Bensberg, Köln 1929

Bedeutendster Raum des gesamten Komplexes war die ehemalige Seminarkapelle (heute Konferenzraum K1). Diese war ein langgestreckter Saal mit eingezogenem, leicht querrechteckigem Chor, welcher beidseitig von den damals üblichen Nebenaltären flankiert wurde. Eine raumhohe, gestelzte Blendbogengliederung nahm innen Form und Dimension der nur einseitig ausgebildeten Fensterreihe auf. An den Chorraum grenzte ein eigener Schwesternchor, an die volle Länge des Saalbaus ein mittels fünf einfacher Stützen abgetrennter, niedriger Annex mit weiterer Altarstellung. Die ehemals hier aufgestellten Skulpturen der Patrone des alten und des neuen Seminars, Philippus Neri bzw. Petrus Canisius, sind nicht erhalten. Wohl aber die aus weißem Marmor gestalteten Standbilder der Apokalyptischen Frau und des Nährvaters Josef von den Nebenaltären. Das aus gelblichem Gipsmarmor geschaffene Retabelbild des Hochaltars mit Darstellung der Aussendung der Apostel befindet sich heute in der Säulenhalle vor der ehemaligen Kapelle. Alle plastischen Arbeiten der Kapelle fertigte Karl Menser aus Bonn.

Die Gesamterscheinung der Kapelle bestand in einer eigentümlichen Zusammenschau von späten Jugendstilformen (Hochaltarretabel), einer aus dem Expressionismus erwachsenen Neuen Sachlichkeit (Skulpturen) und Gestaltungsweisen des Rokokos. Letzteres war durch die elegant ausschwingende Orgeltribüne mit zart gewundenem Brüstungs-Rankenband und in der stuckierten Spiegeldecke vertreten. Mensers Evangelisten-Symboltiere und die Hl. Dreifaltigkeit in den Deckenkartuschen stellten wiederum zeittypische Gestaltungen der 1920er Jahre dar.

Der Beitrag ist ein Auszug aus der im Frühjahr 2020 erschienenen Schrift des Autors zum Kardinal-Schulte-Haus.

Das Heft „Kardinal-Schulte-Haus und Skulpturenpark in Bensberg“ können Sie zum Preis von 5,00 € (3 € plus 2 € Versandkosten) über die Akademie erwerben.

Wenn Sie sich für den Kunstführer „Kardinal-Schulte-Haus und Skulpturenpark Bensberg“ interessieren, kontaktieren Sie uns gerne unter akademie@tma-bensberg.de oder telefonisch unter der Rufnummer 02204/408472!

Titelbild:

© Mich.kramer, CC BY-SA 3.0

7. Oktober 2020 || ein Beitrag von Markus Juraschek-Eckstein, Kunsthistoriker und Germanist

Die Akademie lädt zu einer exklusiven Führung mit Markus Juraschek-Eckstein ein.

15. November 2020 (So.), 14.30 Uhr bis 16.00 Uhr

Kosten: 8,00 € (inkl. Kunstführer)

Markus Juraschek-Eckstein führt durch die Edith-Stein-Kapelle, den Skulpturenpark, den Kreuzgang und den größten Tagungssaal. Dort erfahren Sie weitere Hintergründe, Geschichte und Wissenswertes über das Kardinal-Schulte-Haus.

Wir bitten um Anmeldung, da die Führung auf 15 Plätze begrenzt ist.

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