Adventskalender TMA 2023

Universalgelehrte, Mystikerin, Heilkundige. Hildegard von Bingen

Es scheint, als müsste die Frage schnell und eindeutig zu beantworten sein: Wer war Hildegard von Bingen? Geboren wurde sie im ausgehenden 11. Jahrhundert als Tochter eines hochadeligen Hauses – übrigens nicht in Bingen. Als Kind wurde sie in das Klosterleben eingeführt, ihr ganzes Leben verbrachte sie im Dienst Gottes. Sie war Schriftgelehrte, Komponistin, Heilkundige. Manche ihrer Schriften haben sich bis heute erhalten. Viele ihrer liturgischen Kompositionen werden überall auf der Welt noch gesungen. Ihre Kräuterkunde ist aktueller denn je. Ihr Erbe ist bis heute lebendig, die Orte ihres Wirkens für viele der spürbare Beweis ihrer Präsenz. Und doch: Für jeden ist Hildegard von Bingen ein bisschen – oder sogar ganz – anders.

So finster, wie man sagt, ist das Mittelalter gar nicht. Menschen, wie Hildegard von Bingen sind der Beweis für die hellen Stellen. Ein Beispiel ist ihre Musik. Sie wirkt beruhigend und meditativ und hilft sogar durch schwere Zeiten. Kein Wunder also, dass Hildegard von Bingen für viele Menschen als Komponistin unsterblich geworden ist.

Und es ist sicherlich bemerkenswert, dass Hildegard von Bingen sich mit modernen Ideen und neuen Perspektiven einen Namen gemacht hat, als Ungewohntes und Neues bittere Pillen waren, die nicht gerne geschluckt wurden. Sie sagte (und schrieb), was sie dachte und stand auch im Austausch mit hohen kirchlichen Persönlichkeiten, wie etwa Bernhard von Clairvaux und dem Papst selbst. Für manche ist sie in dieser Rolle eine frühe Kirchenreformatorin, die durch ihre neuen (und oft nicht dem Klosterbild entsprechenden, geradezu – so nahm man es wahr – extravaganten) Vorstellungen aneckte – beispielsweise was die Kleidung und den Schmuck der Schwestern ihres Klosters anging.

Hildegard_von_Bingen - Mehr im Adventskalender der Akademie

Dass sie eine Frau war, machte ihr Leben nicht einfacher. So gilt sie in dieser Rolle für viele als Vorkämpferin der Emanzipation der Frau. Sie machte sich einen Namen als Kräuterkundige und so entstand 1970 der Begriff „Hildegard-Medizin“, der bis heute Verwendung findet. Mit ihrer Vorstellung der vier Körpersäfte übernahm sie Überzeugungen aus der Antike, wie sie erst Jahrhunderte später in der Renaissance wieder aufgenommen und überarbeitet wurden. Wenn einer dieser vier Säfte im Ungleichgewicht steht, wird der Körper krank, aber manche Pflanzen können Abhilfe schaffen. So hat der Gundermann die größte Grünkraft, die die Grundlage für alle Heilung ist, und die Königskerze hilft einem traurigen Herzen.

Gebildet, emanzipiert, selbstbewusst und voll des Glaubens hat Hildegard von Bingen ihren Platz in der Welt eingenommen und gleich zwei Klöster gegründet. Nachdem sie das Kloster auf dem Disibodenberg (heute eine Ruine) verlassen hatte, gründete sie ein Kloster auf dem Rupertsberg an der Nahe (heute sind die Überreste des Bauwerks in den Neubau integriert) und später eines in Eibingen. Im Nachfolgebau des Klosters Eibingen wird bis heute ihr Andenken lebendig gehalten.

Eine wahrhaft beeindruckende Frau war Hildegard von Bingen, die Gläubige, die Philosophin, die Reformatorin, die Kräuterkundige, die Managerin, die Komponistin, die Schriftgelehrte, die Visionärin, die Unternehmerin… die Universalgelehrte.

Titelbild © gotitstudio

Angabe Abb.: Von Autor/-in unbekannt – Miniatur aus dem Rupertsberger Codex des Liber Scivias., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1718595

4. Dezember 2023 || ein Beitrag von Judith Graefin, Akademiereferentin Erkundungen

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