Forever Young: Bob Dylan tritt in sein 80. Lebensjahr ein

Das Schaffen des am 24. Mai 1941 geborenen Robert Allen Zimmerman, der sich seit den späten 1950er Jahren „Bob Dylan“ nennt, ist wohl das am genauesten und umfassendsten analysierte in der Geschichte der populären Musik. In sechs Jahrzehnten hat Bob Dylan ein gewaltiges Werk geschaffen, dessen fachgerechte Deutung Musik- und Literaturwissenschaftlern, Philosophen und Soziologen wohl noch für Jahrzehnte den Broterwerb sichern wird. Auch zum Gegenstand theologischer Forschung sind Dylans Leben und Schaffen geworden. So hat etwa Knut Wenzel, Professor für Systematische Theologie und Fundamentaltheologie an der Goethe-Universität in Frankfurt, nicht nur über das Zweite Vatikanum und John Henry Newman publiziert, sondern auch das Buch „Hobo Pilgrim. Bob Dylans Reise durch die Nacht“ (2011) veröffentlicht. Auch Peter Otten, der vielfach publizistisch tätige Pastoralreferent im Erzbistum Köln, ist ein eifriger „Dylanologe“ und befasst sich in seinem Blog immer wieder mit Leben und Werk des amerikanischen Musikers.

Das Evangelium nach Dylan
Erst kürzlich, am 27. März 2020, als Papst Franziskus den außerordentlichen Segen „Urbi et orbi“ spendete, ließ auch Dylan seiner globalen Fangemeinde eine besondere „Segnung“ zuteilwerden: Nachdem er sein bislang letztes Album mit Eigenkompositionen bereits im Jahr 2012 veröffentlicht hatte, sodass man mutmaßen konnte, der Meister habe das Songschreiben eingestellt, veröffentlichte Dylan völlig unerwartet im Internet das Stück „Murder most foul“ und löste damit eine mediale Interpretationskaskade aus. Sämtliche deutsche Leitmedien – von der FAZ, über die Süddeutsche bis zum Deutschlandfunk – stürzten sich auf das Stück. Auch die Theologen Wenzel und Otten deuteten das mit fast 17 Minuten bislang längste Dylan-Opus und entdeckten in ihm Parallelen zwischen der Ermordung John F. Kennedys, dem zentralen Thema in Dylans Lied, und dem Opfertod Christi. Das klingt dann bei Wenzel so: „Dylan lässt den eben als ein weiteres Opferlamm vorgeführten Kennedy die ansprechen, die ihn zu ermorden sich anschicken; das knappe Hin und Her von Frage und Antwort –„Wait a minute, boys, you know who I am?“ / „Of course we do, we know who you are“– zieht den ganzen, hochdifferenzierten Kosmos des neutestamentlichen Ringens um die Bestimmung der Identität Jesu Christi in einen knappen, lapidaren Wortwechsel: vom „Wer ist dieser“ (Joh 5,12), über Jesu Frage, für wen die Menschen ihn halten (Mt 14,13f), über die Ego eimi-Worte des Johannesevangeliums, bis hin zum sogar die Jünger erfassenden Miss-Verstehen Jesu, das als Messiasgeheimnis leitmotivisch das Markusevangelium durchzieht.“

Ein Werk gespeist aus vielen Quellen
Mit dieser Lesart steht Wenzel freilich in guter Tradition der Dylan-Exegese: Bereits in den frühesten Werken Dylans wurden zahllose Verweise auf die Bibel nachgewiesen. Allein auf dem Album „John Wesley Harding“ von 1967, das mit seinen zwölf Songs gerade einmal doppelt so lang ist wie „Murder Most Foul“, soll der damals 26-Jährige 61 Anspielungen auf das Buch der Bücher untergebracht haben.

Dabei ist Dylan – sieht man von einer kurzen Phase ab, in der er sich als evangelikaler Christ präsentierte – keineswegs ein monothematisch religiöser Musiker. Sein Werk enthält vielmehr eine unübersehbare Fülle an Bezügen zu unterschiedlichsten Bedeutungs- und Traditionszusammenhängen: zu historischen Ereignissen wie der Kennedy-Ermordung, zur amerikanischen Volksmythologie und der populären Musik des „Great American Songbook“, zu Shakespeares Dramen und Homers Epen, zur Lyrik von Petrarca über Rimbaud bis Auden und Ginsberg …

Vom Teenager-Krach zur künstlerischen Ausdrucksform
So steht man vor Dylans Werk immer etwas ehrfürchtig dar. Eine nüchterne Beschreibung ist fast unmöglich. Unbestritten ist wohl die Tatsache, dass Dylan die populäre Musik, die das Feuilleton zuvor etwas herablassend als „Lärm für Teenager und Halbstarke“ ignoriert hatte, endgültig zu einer geachteten und ernst zu nehmenden Ausdrucksform transformiert hat. Dieser Bedeutungswandel der Pop-Musik ist Dylans Werk zunächst ganz unmittelbar zuzuschreiben. Verkürzt gesagt: Einen Mittzwanziger, der in seinen epischen Songs T. S. Eliot und Ezra Pound miteinander ringen lässt, während sich sein lyrisches Ich um die früh gealterte Ophelia sorgt, konnten die mit bildungsbürgerlichen Standards operierenden Intellektuellen in den Redaktionen nicht mehr beiseite schieben.

Dazu kommt ein indirekter Effekt: Dylan wuchtete im Alleingang die Latte, die Pop- und Rock-Musiker fortan zu nehmen hatten, in bislang ungeahnte Höhen und forderte so eine ganze Generation ambitionierter Jungmusiker beiderseits des Atlantiks heraus, die nun ihrerseits das kompositorische Schaffen ganz neu auslegte. „Elvis hat den Körper befreit, Bob hat den Geist befreit“ fasste einmal Bruce Springsteen diesen Einfluss Dylans auf die moderne Tondichtung zusammen.

Op dat dieh Häzz immer enn Dur schläät…
Die Bedeutung des „Phänomens Dylan“ unterstreichen die zahllosen Ehrungen, die Dylan in den letzten Jahren zuteilwurden. Mit der Feststellung, es gebe keinen größeren Giganten in der Geschichte der amerikanischen Musik, verlieh Präsident Obama im Jahr 2012 Dylan die Presidential Medal of Freedom. Den Oscar hatte der Geehrte da schon erhalten, der Literaturnobelpreis sollte ein paar Jahre später folgen. Bevor im kommenden Jahr die ganz große Verbeugung ansteht, können wir Bob Dylan an seinem 79. Geburtstag mit seinen eigenen Worten in (teilweise) kölscher Interpretation hochleben lassen:

May God bless and keep you always
May your wishes all come true
May you always do for others
And let others do for you

Et ess okay,  wenn du noh Stääne jrievs,
spring övver jede Zung,
dann blievs du für immer jung.

Forever young,
forever young
May you stay forever young

Op dat du opwääß zo ’nem Joode,
däm die Wohrheit jet bedügg,
dä sing Fahn nie enn dä Wind hängk,
sich verstellt für andre Lück.

May you always be courageous
Stand upright and be strong

May you stay forever young
Forever young, forever young

May you stay forever young
May your hands always be busy
May your feet always be swift
May you have a strong foundation
When the winds of changes shift

Op dat dieh Häzz immer enn Dur schläät,
singe Takt hällt, singe Schwung,
dann blievs du für immer jung.

May your heart always be joyful
May your song always be sung
And may you stay forever young
May you stay forever young

(Text nach AnnenMayKantereit & Wolfgang Niedecken. Live Session, Köln 2017)

Bilder
The times they are a-changin’ – Dylan-Wandbild in Minneapolis. Bild von Chris Sloan auf Flickr, (CC BY 2.0)
Bob Dylan mit Joan Baez beim March on Washington 1963. Bild von GPA Photo Archive auf Flickr, (CC BY-NC 2.0)
Bob Dylan in Concert 2011. Bild von Marcello Linzalone auf Flickr, (CC BY-NC-ND 2.0)

24. Mai 2020 || ein Beitrag von Dr. Matthias Lehnert, Referent Forum: PGR