Die Neuen Auftraggeber

Aufträge hat es in der Kunst seit jeher gegeben, die Idee einer Autonomie der Kunst dagegen ist ein relativ junges Phänomen der Moderne. Während man mit Auftraggebern historisch gesehen den Klerus, den Adel und später auch die privilegierten Bürger und Kommissionen assoziiert, geht es in den Projekten des europäischen Netzwerks Neue Auftraggeber  um den breiten Zugang zur Kunst und um die Stärkung demokratischer Teilhabe.

Das manifestartige „Protocol“ des Künstlers François Hers bildet seit 30 Jahren die methodische Grundlage und hält fest, wie ein Austausch zwischen lokalen Bürgergruppen und international tätigen Künstler*innen stattfinden kann. Hunderte Projekte sind in Frankreich so entstanden, mittlerweile ist das Netzwerk auch in vielen weiteren Ländern aktiv. Mediator*innen schlagen Künstler*innen vor und vermitteln zwischen den verschiedenen Akteuren, Innen- und Außenperspektiven, Planung und Umsetzung. Seit einiger Zeit bin ich als Mediatorin in der Pilotphase der deutschen Sektion des Netzwerks im Rheinland tätig und das Museum Abteiberg in Mönchengladbach ist Ankerpunkt und Kooperationspartner des Programms. In Mönchengladbach begleite ich zurzeit ein Auftragsprojekt sehr unterschiedlicher Partner.

Wie entsteht ein Ort des Dialogs?

Ähnlich wie in anderen Großstädten hat auch die Innenstadt von Mönchengladbach viele öffentliche Funktionen. So gruppieren sich zahlreiche Kultur- und Bildungseinrichtungen um den zentralen Hans-Jonas-Park. Zugleich ist das Zentrum als öffentlicher sozialer Raum lückenhaft. Wie kann mehr Begegnung von Bewohner*innen und Besucher*innen auf dem Abteiberg stattfinden, wurden wir in Recherchegesprächen gefragt. Nach einem von uns organisierten Runden Tisch entstand ein Dialog zwischen den Leitern des traditionsreichen Stiftischen Humanistischen Gymnasiums und des Arbeitslosenzentrums e.V., die sich an Zielgruppen aus unterschiedlichen Milieus mit stark abweichenden Zukunftsaussichten wenden. Wie diese an einem gemeinsamen Ort in Dialog kommen können, wird zur Ausgangsfrage unseres Projekts.

Das Arbeitslosenzentrum verfügt über einen großen Garten, der jedoch verwildert ist. Das Gymnasium, nur einen Steinwurf entfernt, wünscht sich schon länger einen Schulgarten, um ökologisches Bewusstsein

zu fördern. Gemeinsam formulieren sie den Auftrag: „Der Garten soll sich zum Abteiberg öffnen und die Stadtgesellschaft einladen, das Areal mit zu nutzen. Die Schüler*innen des Gymnasiums und die Nutzer*innen des Arbeitslosenzentrums wollen durch gemeinsame gärtnerische Arbeit einen Ort des sozialen Miteinanders schaffen, der seine Gäste an die sozialen Wurzeln der Stadt erinnert. Es soll ein Garten entstehen, der in künstlerischer Gestaltung geschützte Räume und Zonen der Öffnung schafft, um ein hierarchieloses Miteinander in gegenseitiger Verantwortung zu erlauben.”

Die neuen Auftraggeber-Projekt in Mönchengladbach

Ein Garten mit Brücken

Die neuseeländische Künstlerin Ruth Buchanan hat auf meinen Vorschlag den Auftrag erhalten, dieses Vorhaben gestalterisch umzusetzen. Ihr Werk beschäftigt sich mit der dynamischen Beziehung zwischen Körper, Sprache und Archiv. Oft beginnt ihre Arbeit mit einer rigorosen Auseinandersetzung mit dem Historischen, wobei Fallstudien, Artefakte, Orte oder Werke anderer Künstler als Ausgangspunkt für eine Befragung der Kunst als einem Diskurs des Organisierens, Erzählens und Problematisierens der Welt, in der wir leben, dienen.

Nach Recherchen und mehreren Planungstreffen schlägt Ruth Buchanan einen zweistufigen Entwurf vor. Darin setzt sie sich mit der komplexen Geschichte des Gartens auf der Rückseite des ehemaligen Hitlerjugend-Heims auseinander, aber auch mit den aktuellen Transformationsprozessen in der Stadt. Dass es an dem Ort um Beziehungen geht – um Beziehungen zwischen unserem inneren Selbst, unseren physischen Körpern, unserem Wohnort, unserem Arbeitsplatz, unserem Wertgefühl in der Gesellschaft – stellt sie in dem Entwurf heraus. Das zentrale räumliche Ziel des Projekts wurde daher die Schaffung von Raum für eine wandelbare „dritte Gruppe”, also nicht nur für die Schüler*innen und Besucher des Arbeitslosenzentrums, sondern für alle Interessierte in der Stadt.

Vier großdimensionierte, farbige Skulpturen schlagen buchstäblich Brücken zwischen den verschiedenen innerstädtischen Institutionen und den Bewohnern, stellen Kontakt zur Umgebung des Gartens her und strukturieren seine Erscheinung wie auch seine Nutzung. Dabei verweisen die vier Raumelemente je auf ein Körperteil – der Titel benennt es: „Ein Garten mit Brücken (Wirbelsäule, Magen, Kehle, Ohr)“. Weitere Partner wie das Museum Abteiberg haben sich dem Projekt angeschlossen und im Austausch mit der städtischen Verwaltung erarbeiten wir momentan Finanzierung und Umsetzung für das nächste Jahr. Alle Kunstwerke entfalten sich dabei im Prozess und entstehen durch das Engagement vieler Beteiligter.

Bildnachweise:

1: Ruth Buchanan mit Fynn Morten Heyer: Ein Garten mit Brücken (Wirbelsäule, Magen, Kehle, Ohr), Entwurf
2: Die Neuen Auftraggeber von Mönchengladbach, Foto: Jan Höhe
3: Porträt Kathrin Jentjens: Neue Auftraggeber

5. Oktober 2021 || ein Beitrag von Kathrin Jentjens, Mediatorin der Neuen Auftraggeber im Rheinland

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