Der Flaneur, Ausstellung in Bonn © Thomas Struth, 2018

Auf ein Wort mit Prof. Dr. Stephan Berg, Intendant des Kunstmuseums Bonn

Mit der zunehmenden Beschleunigung unseres Alltags entsteht der Wunsch nach Müßiggang und Zeit zur Reflexion. Vor diesem Hintergrund ist gerade heute die Figur des Flaneurs aktueller denn je. Das langsame Flanieren und fließende Sehen des Flaneurs stehen in starkem Kontrast zu der Zweckgerichtetheit unseres Tuns und der Hektik unserer Bewegung. Die aktuelle Ausstellung im Kunstmuseum Bonn folgt dem Weg des Flaneurs durch einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis ins 21. Jahrhundert.

Herr Prof. Dr. Berg, Sie sind als Museumsleiter immer auf der Suche nach interessanten Themen und Künstler*innen für Sonderausstellungen. Was hat Sie am Thema „Flaneur“ fasziniert?

Zunächst die Tatsache, dass es ein Thema ist, das weit über den Kreis der Kunstinteressierten hinaus eine positive emotionale Reaktion hervorruft. Wer sehnt sich nicht angesichts heutiger Multitasking-Anforderungen und wachsender Geschwindigkeit zumindest ab und zu danach, das langsame, schweifend-absichtslose gehende Sehen zu praktizieren, das den Flaneursblick auszeichnet. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass es bis heute noch keine umfassende Ausstellung zu diesem Thema gegeben hat, was natürlich per se dazu reizt, hier einen ersten Pflock einzuschlagen. Dies umso mehr, als im Werk August Mackes, das ja das Fundament unserer Sammlung bildet, von den Frauen vor Hutläden bis zu den lesenden Männern im Park eine Menge Motive zu finden sind, die sich in das ästhetische Paradigma des Flaneurs einreihen lassen. Und last, not least ist, wie die Ausstellung zeigt, der Flaneur eben kein reines Thema des 19. Jahrhunderts, sondern lässt sich mit interessanten Ergebnissen bis in unsere unmittelbare Gegenwart hinein verlängern.

Der Flaneur ist eng mit dem aufkommenden großstädtischen Leben verbunden. Ist der Flaneur so etwas wie ein kritischer Betrachter der Stadt?  

Er ist in jedem Fall ein Beobachter der Stadt, der sich vor allem auf scheinbare Nebensächlichkeiten, Randständiges und Übersehenes konzentriert und so ein Bild der Großstadt erschafft, das es vorher nicht gab. Der Flaneur ist, anders als das Walter Benjamin formuliert hat, kein Voyeur oder Detektiv, sicher aber ein Chronist des Entschwindenden. Die Figur entwickelt sich in Paris parallel zu den Boulevards von Baron Haussmann zunächst aus dem adligen Dandy, der auf den breiten Boulevards vor allem seinen Müßiggang ausstellt (also gesehen werden will), zu einer Figur, die das beschleunigte und unübersichtlicher werdende Leben in der Metropole mit einem Blick beantwortet, der gar nicht mehr auf Sinntotalität und Ganzheit zielt, sondern im Grunde aus lauter einzelnen, kontingenten Wahrnehmungsfragmenten besteht. Insoweit ist in unserer Diktion der Flaneur sowohl als literarischer Topos, wie als reale Figur ein Ausdruck einer Krisenerfahrung, der den Schock der Modernité, wie Baudelaire das genannt hat, durch ein spezifisch individuelles, flexibles Wahrnehmungsmodell zu kompensieren versucht.

Mit dem Ausstellungstitel deuten Sie an, dass das literarisch angelegte Motiv nicht nur in der Kunst des Impressionismus beheimatet war, sondern Wirkungen bis in die Gegenwart hinein zeigt. Wie sieht der Flaneur der Gegenwart aus?      

Er nimmt ganz verschiedene Formen an: Er unternimmt beispielsweise – wie dies Francis Alys seit vielen Jahren in Mexiko City tut – Stadtspaziergänge, die einer Logik der Abweichung folgen und damit eine andere Sicht auf die Stadt produzieren. Peter Piller ist auch so ein Entdecker alternativer Stadtwirklichkeiten und hat für uns eine Peripheriewanderung in Bonn gemacht, die genau die Zonen berührt, wo die Stadt aufhört, die Natur aber noch nicht begonnen hat. Sofia Hulten hat sich durch eine Stadt bewegt, indem sie immer dann, wenn sie am Wegrand ein paar Schuhe gefunden hatte, diese anzog und so lange trug, bis sie auf ein weiteres Paar stieß. Alexander Roob hat bei allen seinen Touren stets ein Klemmbrett, Papier und Zeichenstift dabei, um in einer fast filmisch anmutenden Manier alles zu notieren, was sich vor seinen Augen bewegt. Johanna Steindorf reist via Google Maps durch die verschiedensten Städte der Welt und besucht diese Städte dann später, um diese virtuellen Touren real nachzuvollziehen. Beat Streuli schließlich streift durch die Weltstädte von Istanbul bis Moskau und destilliert mit einem starken Teleobjektiv einzelne Personen aus dem Strom der Menge, so dass sie nahezu porträthafte Dimensionen gewinnen und dennoch merkwürdig fern und distanziert bleiben.

Auf welche Weise versuchen Sie im Kunstmuseum Bonn – auch über diese Ausstellung – die Erschließung der modernen Kunst zu fördern? 

Indem wir einerseits ein Thema anbieten, das eben nicht nur Kunstfachleute interessiert. Indem wir dieses Thema zweitens durch die Gliederung in Kapitel und Wandtexte, Audioguides und Themenführungen für das Publikum so aufbereiten, dass es damit direkt umgehen kann. Und drittens durch ein sehr breit angelegtes Begleitprogramm, in dem wir beispielsweise auch die Bonner Bürger*innen einladen, mit uns eine Flaneur-Zeitschrift zu einer speziellen Bonner Straße zu erstellen, oder zu einem Wandelkonzert, in dem das Thema des Flaneurs musikalisch erschlossen wird.

Sehr geehrter Herr Professor Berg, wir danken Ihnen für das Gespräch und freuen uns auf die Veranstaltung am 21. November 2018 im Kunstmuseum Bonn.

Die Fragen stellte Andreas Würbel, Thomas-Morus-Akademie Bensberg.


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Bildnachweis: © Thomas Struth, 2018