Jüdisches Leben in Deutschland
© E. Tscherkassi, Pixabay

„Di reder drejen sich“

Jüdische Kultur in Deutschland

Obwohl jüdische Gemeinden spätestens seit dem 7. Jh. von Spanien und Portugal bis in die heutige Ukraine hinein nachgewiesen werden können, ist das Wissen um die jüdische Kultur, um ihre Schriften, Gebräuche, Gebete, Rituale und Festtage kein Allgemeingut. Selbst Interessierten scheinen viele Bereiche jüdischen Lebens bisher verschlossen und fremd.

Tatsächlich sind jüdisches Leben und jüdische Kultur über viele Jahrhunderte eng verknüpft mit der Geschichte christlicher Obrigkeit und Herrschaft. Noch im karolingischen Mittelalter lebten jüdische Gemeinschaften relativ sicher. Doch mit Beginn der Kreuzzüge wurde auf dem Weg ins Heilige Land in jüdischen Stadtvierteln gebrandschatzt und gemordet. Vor die Wahl „Taufe oder Tod“ gestellt, flüchteten viele jüdische Familien nach Osteuropa. Sie nahmen das Jiddische, einen mittelhochdeutschen, mit vielen Hebraismen und Aramismen angereicherten Dialekt als Sprache mit. Dieser entwickelte eine starke Bindungskraft der zum Teil weit verstreuten jüdischen Gemeinschaften untereinander und trägt bis heute entscheidend zur jüdischen Identität bei.

Dieser jüdischen Identität geht die Akademietagung nach, in Vorträgen, Textbeispielen, Bildbetrachtung, aber auch mit dem Vortrag jüdischer Lieder im Rahmen eines Liederabends.

Ergänzt wird die Tagung durch eine vorangehende Erkundung am Freitag, 21. April 2023 „Wir sind jetzt“; nähere Informationen im Hinweisteil und auf unserer Website.

Zu beiden Programmangeboten laden wir Sie herzlich ein!

Ihr/e Referent/in

Samstag, 22. April 2023

14.00 Uhr
Wu wel ich wojnen?
Das Leben deutscher Juden durch die Geschichte
Die Geschichte deutscher Jüdinnen und Juden ist eine Geschichte der Marginalisierung zwischen Duldung und Völkermord, und dies bereits lange vor dem Holocaust: Schon im Mittelalter werden die Verschwörungstheorien ausgebildet, die später negative Paradigmen begründen und auch heute wieder Verschwörungserzählungen befeuern. Parallel dazu sind aber auch tolerante Formen des Miteinanders erkennbar, die eine komplementäre, wenngleich unscheinbarere Geschichtslinie zeichnen.
Dr. Sylvia Jurchen, Philosophische Fakultät, TU Chemnitz
PD Dr. Silvan Wagner, Lehrstuhl für Mediävistik, Universität Bayreuth

16.15 Uhr
Kaffee- und Teepause

16.30 Uhr
Un der Rebbe lernt kleine kinderlech dem Alefbejss‘r
Eine Sprache der Liebe, des Witzes und der Migration
Jiddisch als deutscher Dialekt der aschkenasischen Jüdinnen und Juden spiegelt ihre wechselvolle Geschichte: In seiner Grundlage eine hochdeutsche Mundart mit mittelalterlichen Wurzeln, integriert das Jiddische zahlreiche Begriffe aus Landessprachen des gesamten europäischen Kontinentes. Viele jiddische Elemente sind ihrerseits wieder in den allgemeinen deutschen Sprachgebrauch eingeflossen und geben hier noch Zeugnis ab vom eigentümlich jüdischen Witz und einer tiefen Liebe zur Sprache.
Dr. Sylvia Jurchen, Philosophische Fakultät, TU Chemnitz

18.00 Uhr
Abendessen

19.15 Uhr
Schoin shtil in gesl
Ein jiddischer Liederabend
Jiddische Lieder verbinden die genaue Beobachtungsgabe jiddischer Dichtung mit einer Musik, die zwischen Heiterkeit und Leid changiert. Oft genug auf abenteuerlichen Wegen aus Ghettos und Konzentrationslagern überliefert, geben sie heute Zeugnis ab von einer Enklave deutschsprachiger Volksmusik, die mit ihrem Witz den Verstand herausfordert und mit ihrer Schönheit die Seele berührt.
PD Dr. Silvan Wagner, Lehrstuhl für Mediävistik, Universität Bayreuth

21.30 Uhr
Ende des Veranstaltungstages

Sonntag, 23. April 2023

ab 7.00 Uhr
Frühstück für Übernachtungsgäste

8.00 Uhr
Gelegenheit zum Besuch eines katholischen Gottesdienstes in der Edith-Stein-Kapelle

 9.45 Uhr
Schtiler, schtiler, lomir schwajgn, K’worim wakssn do
Eine virtuelle Führung durch den Ebnether Judenfriedhof
Judenfriedhöfe sind heute noch vielerorts eindrucksvolle Zeitzeugen einer jüdischen Lebenskultur, die das irdische Dasein immer auch in einer Perspektive auf Gott ausrichtet. Anhand des Ebnether Judenfriedhofs können beispielhaft die religiösen Alltagspraxen sichtbar gemacht werden, die seiner Anlage und seinen Gräbern buchstäblich eingeschrieben sind. Auf dieser Basis kann der ‚gute Ort‘ (der jiddische Begriff für den Friedhof) als lebensbejahendes Zeichenprogramm gelesen werden.
PD Dr. Silvan Wagner, Lehrstuhl für Mediävistik, Universität Bayreuth

11.15 Uhr
Kaffee- und Teepause

11.30 Uhr
Di Jorn gejen sich
Erinnerungskultur in Kunst und Literatur nach 1945
Der Holocaust ist eine Ungeheuerlichkeit, die sich jeder abschließenden Aufarbeitung verweigert; stattdessen arbeiten sich die Nachkommen von Tätern wie Opfern an einem – getrennten wie gemeinsamen – Gedenken ab, das eine schillernde Erinnerungskultur geschaffen hat. Im Bereich der bildenden Kunst und der Literatur entstanden und entstehen Dokumente einer Erinnerungsarbeit, die das Unfassbare immer wieder neu perspektiviert und damit zumindest
Umgangsweisen für das Ungeheuerliche anbietet.
Dr. Sylvia Jurchen, Philosophische Fakultät, TU Chemnitz
PD Dr. Silvan Wagner, Lehrstuhl für Mediävistik, Universität Bayreuth

13.00 Uhr
Mittagessen

14.00 Uhr
Ende der Akademietagung

Änderungen im Programmverlauf und in der Organisation bleiben vorbehalten.

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