Wenn Neues leise wächst

Jedes Jahr aufs Neue beschließt die Natur, sich zu öffnen. Auf den kalten Winter mit mehr oder weniger Schnee folgt die Jahreszeit mit den Blüten und Farben. Zuerst die Schneeglöckchen, die sich ihren Weg durch die gefrorene Erde bahnen, dann die Osterglocken als erstes Zeichen auf dem Weg zum Osterfest, dann die Kirchblüten – und von einer Woche auf die andere fangen die Bäume in der Sonne an, grün zu glitzern.

Die Natur wartet nicht auf ein Startsignal – erst recht nicht vom Menschen. Eine „innere“ Uhr lässt alles erwachen, langsam und Schritt für Schritt. Im eigenen Tempo öffnet sich die Natur und zeigt sich der Welt. Vielleicht ist es genau das, was wir von der Natur lernen können: Neues Leben entsteht nicht, weil wir es machen – sondern weil es uns geschenkt wird.

Bei allem Stress, der Welt scheint es an uns vorbeizurennen. Bemerken wir die ersten Knospen? Die ersten Strahlen? Das erste Vogelgezwitscher?

Der Kalender ist voll, die Uhr tickt und der Arbeitsalltag rennt voran. Dazu die Verpflichtungen, wenn wir unseren Laptop abschalten: Familie, Freunde, Wohnung – immer wartet eine Aufgabe auf uns.

Ab wann bemerken wir, dass sich die Natur auf etwas Neues einstellt? Ab wann bemerken wir, dass es abends ein Stündchen heller bleibt, dass der Schritt aus der Haustür nicht mehr in die Finsternis führt? Wir können aktiv etwas tun, um neu anzufangen: hinschauen, innehalten, Schritte gehen – ganz bewusst. Auch wenn wir uns manchmal schwertun, auch wenn wir es immer wieder verdrängen: Wir dürfen immer wieder von Neuem anfangen.

Das können wir aus der Fastenzeit mitnehmen in den Alltag danach: Es geht nicht nur um den bewussten Verzicht auf etwas, sondern auch um das Bewusstsein, dass Gott diese Schritte mit uns geht. Dass er uns begleitet, auch wenn wir uns immer wieder neu auf den Weg machen müssen, weil wir abweichen.

Es bleibt nicht bei der Fastenzeit: Ostern erzählt uns genau davon. Nach der Dunkelheit wächst neues Leben. Nicht laut und plötzlich, sondern wie die ersten Frühlingsblumen, die sich langsam ihren Weg bahnen, bis sie in voller Blüte stehen.

„Seht ich mache alles neu“ (Off 21,5) beginnt vielleicht nicht erst am Ende der Zeit, sondern genau hier und jetzt: im ersten Grün, im bewussten Schritt vor die Tür, im Vertrauen darauf, dass Gott Neues wachsen lässt – das Gott mich wachsen lässt. An Herausforderungen, Aufgaben, Träumen und Zielen.

Es ist eine große, fast unglaubliche Zusage. Und doch beginnt sie ganz klein – wie ein Schneeglöckchen im gefrorenen Boden. Vielleicht beginnt dieser Neubeginn nicht im Großen, sondern im Kleinen. In einem Moment der Aufmerksamkeit. In einem Atemzug der Ruhe. In einem Schritt, den wir heute bewusst gehen.

Wir müssen den Frühling nicht machen. Wir müssen das Leben nicht neu erfinden. Aber wir können uns öffnen – für das, was wächst, für das, was kommt, für das, was Gott in uns und um uns herum neu werden lässt.

Und vielleicht reicht es für heute, darauf zu vertrauen: Dass Neues schon längst unterwegs ist.

Carolin Tombers – Theologin, Pastoralassistentin in der Pastoralen Einheit Bonn-Beuel