Wir müssen aus unserer Blase raus! Ein Gespräch mit Weihbischof Ansgar Puff

Seit Juni 2020 ist Weihbischof Ansgar Puff Bischofsvikar für den Diözesanrat der Katholiken im Erzbistum Köln und damit auch für die Thomas-Morus-Akademie, deren Träger der Diözesanrat ist. In seiner neuen Rolle besuchte der Weihbischof nun die Akademie und tauschte sich mit dem Team über Arbeit und Programm der Akademie aus. Am Rande dieses Treffens führten Anne Pesch und Matthias Lehnert ein kurzes Gespräch mit Weihbischof Puff, das wir hier veröffentlichen.

Herr Weihbischof Puff, Sie sind seit Juni Bischofsvikar des Diözesanrates und damit auch der Thomas-Morus-Akademie. Träger der Akademie ist der Diözesanrat, also die Organisation der katholischen Laien im Erzbistum Köln. Wie verstehen Sie Ihre Rolle als Bischofsvikar? Was ist Ihnen bei dieser Aufgabe persönlich wichtig?

Die Aufgabe des Bischofsvikars für den Diözesanrat besteht in der „Scharnierfunktion“ und in der Kommunikation zwischen Diözesanrat und Bistumsleitung. Als Bischofsvikar bin ich auf beiden Seiten tätig: auf der einen Seite gerne mit Herzblut im Diözesanrat und damit auch für die Thomas-Morus-Akademie; auf der anderen Seite mit Herzblut im Auftrag des Erzbischofs und für ihn.

Sollte es zu Konflikten kommen, ist es meine Aufgabe, zu „dolmetschen“ und die Kommunikation sicherzustellen; dafür zu sorgen, dass man die Argumente der jeweils anderen Seite wahrnimmt: die Gedanken des Erzbischofs in den Diözesanrat zu tragen, und die Gedanken des Diözesanrates in das erzbischöfliche Haus zu transportieren.

Darüber hinaus ist es meine Aufgabe, im Vorstand des Diözesanrates als beratendes Mitglied dabei zu sein und auch meine persönliche Meinung bei den wichtigen Zukunftsthemen einzubringen, z.B. den Akzent der Neu-Evangelisierung.

Als Akademie, die Ehrenamtliche und Laien besonders im Blick hat, schauen wir auch mit großen Interesse auf die Entwicklungen des Pastoralen Zukunftswegs im Erzbistum Köln. Auf welche Weise kann die Akademie Ehrenamtliche und Laien in diesem Prozess stärken und unterstützen?

Meiner Einschätzung nach ist das Glaubenszeugnis der Getauften und Gefirmten das entscheidende Potential der Kirche. Wir brauchen natürlich auch die Amtsträger, aber der Glaube wird durch alle Christen weitergegeben und verkündigt. Die Schnittstelle zu den Menschen, die mit Gott und Kirche eher weniger zu tun haben, läuft meist nicht über Hauptamtliche, sondern über Getaufte, die in ihrem Umfeld, bei der Arbeit, im Bekanntenkreis und im Sportverein mit suchenden und fragenden Menschen zusammenkommen. Es ist daher wichtig, dass wir Getaufte und Gefirmte so leben, dass wir gefragt werden: „Warum lebst du so?“ und dass wir dann auch Antwort geben können.

Aufgabe des Diözesanrates ist es meiner Meinung nach, gemeinsam mit der Bistumsleitung die große Zukunftsaufgabe der Evangelisierung anzugehen.

Es genügt nicht, uns auf unsere Gemeinden zu konzentrieren und dafür zu sorgen, dass sich alle da wohl fühlen. Wir müssen aus unserer Blase raus! Wir müssen die Menschen erreichen, die nach Sinnangeboten suchen, und ihnen das, was Christus uns geschenkt hat, anbieten, vorleben und verkünden – auf eine sehr freundliche und zugewandte Weise.

Dabei mitzuhelfen, ist Aufgabe des Diözesanrates.

Für die Thomas Morus Akademie wünsche ich mir daher, dass vermehrt Veranstaltungen und Kurse zur Förderung der Glaubenskommunikation angeboten werden: Eine Art „Training“: „Wie kann ich über meine persönlichen Glaubenserfahrungen sprechen?“ Oder: „Wie kann ich auf Sinnfragen, die mir zwischendurch im Alltag von Nachbarn oder Kollegen gestellt werden, antworten?“ Die Zeit, wo man sagen konnte: „Das kann ich dir nicht erklären, geh‘ mal mit deiner Frage zum Pastor“ ist ja endgültig vorbei.

Die Bekämpfung von Armut und Obdachlosigkeit ist eine Ihrer Schwerpunkte. Welche drängenden Anliegen verfolgen Sie aktuell in dieser Frage?

Ganz aktuell geht es im Moment, wo der Winter vor der Tür steht, um die Frage: wo werden die Wohnungslosen im Winter schlafen und sich treffen?  Alle Einrichtungen haben bedingt durch Corona nur noch begrenzte Platzkapazitäten. In die Räume, in denen sich vor Corona  30 Leute treffen konnten, dürfen jetzt nur noch fünf Personen rein. Die Übernachtungsangebote in der Stadt Köln werden zum Beispiel nicht mehr ausreichen.

Ich gehöre ja zum Team der Obdachlosenseelsorge in Köln. Da sind wir jetzt dabei, die ehemalige Franziskanerkirche so neu zu möblieren, dass wir in der Kirche nicht nur Gottesdienste feiern können, sondern auch Essen ausgeben können.

Vor allem geht es aber darum, dass die Armen Teil der Kirchengemeinde sind. Wenn ein Obdachloser z.B. vor einer Kirche steht und die Obdachlosenzeitung an die Kirchgänger verkaufen möchte, muss der Priester von der Kanzel sagen: „Liebe Schwestern und Brüder, draußen steht der Herr Soundso und verkauft die Obdachlosenzeitung. Bitte kaufen Sie dem eine ab.“

Wertschätzende Prozesse in Gang zu setzen, das ist meine Aufgabe.

Und da sind Sie dann im Gespräch mit den Pfarrern und den Verantwortlichen in den Gemeinden, da einen gewissen Bewusstseinswandel zu erreichen?

Genau. Es geht um dasselbe, was Papst Franziskus auf Weltebene macht. Es geht um Lobbyarbeit in der Überzeugung, dass die Erneuerung der Kirche von den Armen kommt.

Weihbischof Puff, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hinweis
Weitere Informationen über Weihbischof Ansgar Puff und seine Aufgaben finden Sie auf der Internetseite des Erzbistums Köln.

16. September 2020 || Anne Pesch und Dr. Matthias Lehnert im Gespräch mit Weihbischof Ansgar Puff