Hier und heute: Spurensuche
‚Heute‘ wird es Zeit zum Aufbrechen. Zwei Menschen sind unterwegs und machen dort die Erfahrung ihres Lebens. Von solchen Geschichten ist die Weltliteratur voll. Die erste Geschichte dieser Art lernte ich als Kind kennen, und sie steht nicht in der Bibel. Ich meinen den Bericht von zwei Kindern, dem Geschwisterpaar, Bruder und Schwester, das Märchen von „Hänsel und Gretel“. Der Weg, den sie gingen, führt in den finsteren Wald hinein. Von Anfang an hat er meine Phantasie zu allen möglichen Spekulationen angeregt. Was sie dort alles erwarten würde jenseits des Knusperhäuschens. Und was sich Hänsel noch hätte einfallen lassen können, um ganz sicher wieder nach Hause zurückzufinden. Der verzweifelte Versuch, es mit Hilfe von Brotkrumen zu schaffen, konnte doch niemals gelingen.
Die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus müssen nicht in den finsteren Wald. Am helllichten Tag machen sie sich auf, ihr Reiseziel zu erreichen. Nicht um sie herum, in ihnen selbst ist es dunkel. Hinter ihnen liegt die absolute Katastrophe und alle Hoffnung in Trümmern. Auf ihrem Weg fallen zwar keine Brotkrumen zur Erde, sondern eher Fetzen der Erinnerung an die unfassbaren bitteren Stunden, die ihnen im Nacken sitzen. Der Dritte im Bunde wartet nicht ab auf seinem Lager, bis sich jemand in seinem Netz verfangen hat. Er zieht an ihrer Seite und hört geduldig zu, bis es an der Zeit ist, mit den beiden Jüngern ins Gespräch zu kommen. Gefangen sind sie von Trauer und Schmerz. Was um sie herum geschieht, dafür haben sie keinen rechten Blick. Sie führen einfach fort, was der Meister ihnen zu Lebzeiten auftrug, als er sie voraussandte in die Orte, in die er dann selber kommen wollte.
Jetzt geht er – wenn auch noch unerkannt – an der Seite seiner Jünger. Welche Themen er im Einzelnen auf dem Weg vor ihnen entfaltet, erfahren wir nicht. Der Fremde spannt den ganzen großen Bogen quer durch die Heilige Schrift in einer Weise, dass ihnen „das Herz brannte“ (Lk 24,32). Im Märchen werden Unschuld und Ahnungslosigkeit der Geschwister schändlich missbraucht. Dieser Fremde aber macht resignierte Jünger vertraut mit den Absichten Gottes. Sie lernen ihn neu kennen als einen mitgehenden Gott, der Auswege zeigt, wo wir nur noch bodenloses Dunkel sehen.
Ihre Reaktion fällt eindeutig aus: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt“ (Lk 24,29). Wieviel Erfahrung von Nähe und Trost, Sehnsucht und Geborgenheit hinter diesen Sätzen steckt, lässt uns ihre Vertonung im „Abendlied“ von Josef Rheinberger (*1839 †1901) erleben. Und Jesus bleibt bei ihnen bis zu dem Augenblick, wo ihnen beim Brechen des Brotes die Augen geöffnet werden. Indem sie ihn erkennen, sehen sie ihn auch schon nicht mehr. Denn was wir fassen und festhalten können, wäre nicht der lebendige Gott, sondern eine gefährliche Illusion. Aber seine Präsenz zeigt Wirkung. Noch in der Nacht eilen die Jünger zurück zu den anderen, um die frohe Botschaft mit ihnen zu teilen.
Hänsel und Gretel fanden nicht allein zurück. Ein letztes Hindernis überwanden sie allein mit fremder Hilfe. Sie waren Gefangene, vom Tod bedroht. Hänsels Brotkrumen wurden von den Vögeln weggepickt; sie verschwanden, kaum dass sie ausgelegt waren. Wie oft verlieren sich Menschen in Vereinzelung und Vereinsamung, bleiben Gefangene von Ängsten und Sorgen, werden Opfer ihres eigenen Misstrauens und können von der Spur des Lebens nichts mehr entdecken?!
Das Brot hingegen, das am Tisch des Herrn für uns gebrochen wird, empfangen wir nicht als eine letzte Henkersmahlzeit. Vielmehr geht der von Mahl zu Mahl tiefer in uns ein, der unsere dunklen Wege auf sich nahm und zu Ende ging. Von Mahl zu Mahl hält er das Feuer am Leben, das unsere Herzen erwärmt und erhellt. Wer auch immer mit dem Auferstandenen geht, wird niemals einsam und allein auf der Strecke bleiben. Christus legt jedem von uns die Lebensspur aus, die nie verlöscht und niemals verschwindet.
Pfarrer Dr. Axel Hammes










