Hier und heute: Zu seinem Gedächtnis
Gedenken und Erinnerung stehen in der Mitte der jüdisch-christlichen Kultur. Dabei schauen wir nicht zurück auf ein fernes „Es war einmal“. Hier und heute geschieht, woran wir uns erinnern. – HEUTE bittet Christus seine Kirche zu Tisch. Jede Kirche, in der heute Liturgie gefeiert wird, wandelt sich zu diesem heiligen Speisesaal für das letzte Mahl des Herrn mit seinen Jüngern. ‚Heute‘ wird Er uns das Brot brechen und als seinen Leib hingeben. Hoffentlich steht die Tür nach innen offen für ihn! ‚Heute‘ lässt er uns im Messkelch das Blut des Bundes verkosten. Hoffentlich lässt sich niemand vom Staub der Alltagssorgen den Geschmack daran verderben! ‚Heute‘ zieht Jesus mit uns hinaus in die Nacht zum Gebetskampf im Garten Getsemani. Hoffentlich bleiben unsere Herzen dann wach an seiner Seite! Denn ‚heute‘ geht es um Leben und Tod – auch für mich. Das Drama unserer Erlösung wird heute auf dem Altar unserer Kirchen verhandelt. Im Ritual verdichtet sich das reale Leben ins göttliche Geheimnis.
Vielleicht wird jemand einwenden wollen: Es verhält sich doch in jeder Heiligen Messe so. Aber ‚heute‘, dieses eine Mal im Jahr, wird es besonders hervorgehoben. Gewiss: Die Tradition der lateinischen Kirche pflegt schon seit sehr langer Zeit die tägliche Messfeier. Da kann es leicht zu Abnutzungserscheinungen kommen. Wie einst den drei Jüngern im Garten Getsemani verlangt es auch uns einiges an Mühe ab, in aufmerksamer Hochspannung voll dabei zu sein, wirklich Anteil zu nehmen und Anteil zu haben an unserem Herrn.
In dieser Stunde wird Christus keine Umfrage machen lassen nach unserer Meinung und Gesinnung. Wieder liefert er sich aus in meine Hände, lässt sich von meinem Hunger verzehren. Nur das Eine will er unbedingt wissen: ob ich wirklich aus bin auf die Kommunion mit ihm. Viel zu lange haben sich Theologie und Frömmigkeit in unserer katholischen Kirche allein darüber den Kopf zerbrochen, wie nun genau in Brot und Wein Christus mit seinem Fleisch und Blut steckt. Haben so etwas wie den ‚Mechanismus‘ der Wandlung ergründen wollen. Und haben damit verkürzt und verfälscht, was ich mit meinem ‚Amen‘ besiegle, wenn ich die Hl. Kommunion empfange: Er selbst darf mir unter die Haut gehen mit dem ganzen Geheimnis seiner Person, mit seinem kompletten Schicksal, mit dem göttlichen Unmaß seiner Hingabe bis zum Äußersten. Dann kann Er auch in mir lebendig werden: in meinem Denken und Sprechen, im Fühlen und Wahrnehmen, im Wollen und Tun. Auf ein provozierend kleines Maß bringt sich Jesus für mich in der Hostie. Aber in diesem Format kann ihn jeder von uns aufnehmen bei sich.
Im Kleinen empfange ich das ganz Große. Bei der Kommunion nimmt der ewige Gott Platz in meiner Herzenskammer. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs will Fuß fassen und heimisch werden bei mir. Christus vollzog ja keinen einsamen Geniestreich. Er erfüllt und vollendet die Bundesgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk. Mit der Kommunion geht es auch in uns ein. – Vor dreißig Jahren, am 16. Januar 1996 hielt mit Ezer Weizman zum ersten Mal ein Staatspräsident Israels eine Rede vor dem deutschen Bundestag. Eine besonders ergreifende Passage kann auch uns Christen vermitteln, in welches ‚Heute‘ uns die Liturgie halten will, die in der Kirche doch täglich begangen wird:
„Jeder einzelne Jude in jeder Genration muß sich selbst so verstehen, als ob er dort gewesen wäre – dort bei den Genrationen, den Stätten und Ereignissen, die lange vor seiner Zeit liegen … 2oo Genrationen sind seit den historischen Anfängen meines Volkes vergangen, und sie erscheinen mir wie wenige Tage. … Und ich, geboren aus den Nachkommen Abrahams im Lande Abrahams, war überall mit dabei. Ich war ein Sklave in Ägypten und empfing die Thora am Berg Sinai. … Ich habe Jerusalem an den Wassern zu Babel nicht vergessen … Ich habe gegen die Römer gekämpft und bin aus Spanien vertreiben worden. … Ich habe meine Familie in Kischinev verloren und bin in Treblinka verbrannt worden. … Unstet und flüchtig bin ich, wenn ich den Spuren meiner Väter folge. Wie ich sie dort und in jenen Tagen begleite, so begleiten mich meine Väter und stehen hier und heute neben mir“.
Mehrfach in seiner Geschichte scheinbar dem Untergang geweiht konnte nichts und niemand Gottes erste Liebe auslöschen. Denn Israel hat sich erinnert, hat seinen wechselvollen Zug durch die Zeit verinnerlicht. ‚Das Geheimnis der Lösung heißt Erinnerung‘ weiß die jüdische Mystik.
‚Hier und heute‘ trägt uns Christus auf: „Tut dies zu meinem Gedenken“ (1 Kor 11,24f). Wenn wir uns erinnern, werden wir Bestand haben. Wenn seine und meine Geschichte sich verbinden, kann keine Herausforderung zu groß und zu schwer werden. Manch krampfhafter Versuch, Jesus zu aktualisieren, beweist hingegen nur, wie sehr wir oft verwickelt sind in die flüchtige Gegenwart. Sein Gedächtnis verleiht uns tiefe und standfeste Wurzeln. Sie reichen hinein in das Geheimnis eines Gottes, der nicht aufhört, sein Volk in die Freiheit zu führen (vgl. Ex 12). ‚Heute‘ – am Gründonnerstag – macht uns Jesus wieder reisefertig für den Exodus in die Freiheit der Kinder Gottes. Ziehen wir mit ihm hinüber vom Tod ins Leben!
Pfarrer Dr. Axel Hammes










