Der Teufel in Moskau – und auf deutschen Bühnen
Warum „Der Meister und Margarita“ heute aktueller ist denn je
Wer in diesen Monaten auf die Spielpläne großer deutscher Theater schaut, begegnet einem überraschend vertrauten Gast: dem Teufel. Genauer gesagt Woland, jener rätselhafte Besucher aus „Der Meister und Margarita“, dem großen Roman von Michail Bulgakow.
Gleich mehrere bedeutende Bühnen haben das Werk in jüngster Zeit neu entdeckt. Im Februar dieses Jahres 2026 brachte das Schauspiel Frankfurt eine vielbeachtete Bühnenfassung heraus. Auch die Münchner Kammerspiele zeigen derzeit – seit der Premiere am 6.3.26 – eine neue Inszenierung des Stoffes: in der neuen, frischen Übersetzung von Alexandra Berlina. Und schon im vergangenen Jahr stand der Roman am Deutschen Nationaltheater und Staatskapelle Weimar auf dem Spielplan.
Dass gleich mehrere der wichtigsten Theater des Landes Bulgakows Roman zur Grundlage großer Produktionen machen, ist kein Zufall. „Der Meister und Margarita“ gehört zu jenen seltenen Werken der Weltliteratur, die nicht nur gelesen, sondern immer wieder neu interpretiert werden müssen – weil sie ihre Gegenwart ständig verändern.
Ein Roman, der seine Zeit überlebt hat
Bulgakow schrieb seinen Roman zwischen 1928 und 1940 im Schatten der stalinistischen Zensur. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod konnte er vollständig veröffentlicht werden.
Doch obwohl der Roman aus einer sehr konkreten historischen Situation hervorgegangen ist – der sowjetischen Gesellschaft der 1930er Jahre –, entfaltet er eine erstaunliche zeitlose Wirkung. Die Geschichte vom geheimnisvollen Woland, der Moskau besucht und mit teuflischer Ironie die moralischen Schwächen der Gesellschaft offenlegt, erzählt zugleich von Macht und Opportunismus, von Wahrheit und Lüge, von Kunst und Zensur und von den großen Lebensthemen Liebe, Treue und Erlösung.
Gerade diese Mischung aus politischer Satire, fantastischem Erzählen und metaphysischer Fragestellung macht den Roman heute wieder so anziehend.
Wenn große Theater zugreifen
Besonders deutlich wird diese Aktualität auf der Bühne.
Am Deutschen Nationaltheater und Staatskapelle Weimar stellte sich 2025 die Regisseurin Luise Voigt mit einer Inszenierung von Meister und Margarita erstmals dem Publikum des Hauses vor. Eine bemerkenswerte Entscheidung: Würde man eine persönliche Premiere an einem der traditionsreichsten Theater Deutschlands mit einem gesellschaftlich oder literaturhistorisch irrelevanten Stück wagen?
Kaum. Bulgakows Roman gilt längst als ein Prüfstein – für Regie, Ensemble und Publikum gleichermaßen.
Ein Roman, der auch im Kino weiterlebt
Die Aktualität des Stoffes zeigt sich nicht nur im Theater. Eine neue Verfilmung des Romans aus 2024 mit August Diehl hat reüssiert. August Diehl sagt über die Romanvorlage: „Bulgakow ist eine Bombe.“, andere bezeichnen ihn als den „russischen Faust“.
Der Film – den wir im Rahmen unserer Akademietagung zeigen werden – wurde treffend als „metaphysischer Thriller von literarischem und historischem Gewicht“ beschrieben. In eindringlichen Bildern führt er die existenziellen Fragen des Romans vor Augen: Was ist Wahrheit? Was ist Macht? Und wer entscheidet darüber?
Begegnung mit der Stimme des Romans
Ein besonderer Höhepunkt unserer Tagung wird die Begegnung mit der Übersetzerin des Romans sein, die am 9. Mai 2026 persönlich zu Gast in der Thomas-Morus-Akademie Bensberg sein wird. Übersetzerinnen und Übersetzer sind die eigentlichen Mittler zwischen literarischen Welten – ohne sie hätte Bulgakows Roman seinen Weg in die deutschsprachige Kultur kaum so nachhaltig gefunden.
Einladung zur Akademietagung
All dies zeigt: „Der Meister und Margarita“ ist kein literarisches Relikt der sowjetischen Vergangenheit. Der Roman gehört zu den seltenen Texten, die immer wieder neu gelesen werden, weil sie Fragen stellen, die jede Epoche betreffen.
Deshalb widmet sich die Thomas-Morus-Akademie Bensberg am 9. und 10. Mai 2026 in einer Akademietagung diesem außergewöhnlichen Werk.
Gemeinsam werden wir erkunden, warum Bulgakows Roman bis heute Künstlerinnen und Künstler inspiriert, weshalb Theater und Film ihn immer wieder neu interpretieren und was uns dieser Text über Macht, Wahrheit und Freiheit erzählen kann.
Denn vielleicht gilt für Der Meister und Margarita, was für große Literatur immer gilt:
Sie beschreibt nicht nur ihre Zeit – sie beschreibt uns.
Dr. Alexandra Berlina; Übersetzerin und Dolmetscherin aus dem Russischen, Düsseldorf. 2020 erschien ihre deutsche Fassung von „Der Meister und Margarita“






Ronald-Feldman-Fine-Arts-CC-BY-SA-3.0-via-Wikimedia-Commons







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