Verantwortung: Was uns fordert – und was wir gestalten können
Im Januar fand die letzte Vollversammlung des Synodalen Weges statt. Seit 2019 war die katholische Kirche in Deutschland in der Gestalt vieler unterschiedlicher Menschen, Positionen, Stimmen, Hintergründen, Erfahrungen gemeinsam auf dem Weg und im Gespräch, aufgerüttelt von den erschütternden Ergebnissen der MHG Studie und mit dem Ziel, die sexuelle Gewalt aufzuarbeiten und die systemischen Ursachen von Missbrauch zu überwinden. Dieser Weg ist nicht abgeschlossen – das Gespräch wird zukünftig weitergeführt in der Synodalkonferenz. Die Verantwortung für die Kirche liegt aber nicht allein in der Hand der Synodalen – ich bewundere ihre Energie, ihren widerständigen Mut, ihre fortdauernde Gesprächsbereitschaft, der sich unsere Bistumsleitung leider verweigert. Ich glaube, dass ich auch als Teil dieser Kirche Verantwortung trage für ihre Gestalt, ihr Gesicht, ihre Chancen und ihr Versagen.
In der Abschlusserklärung schreiben die Synodalen „Der Synodale Weg war und ist aber getragen von einer Grundhaltung der Hoffnung: die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und Überwindung deren systemischer Ursachen. Die Kirche kann dann wieder glaubwürdig die Frohe Botschaft verkündigen. Die Kirche wird voll an der Seite der Menschen stehen – in Wort und Tat. Eine hoffnungsfrohe Kirche, die nichts mehr verschleiert und sich erneuert, kann wirksamer eintreten für eine Welt, die Zukunft hat.“
Voll an der Seite der Menschen stehen, in Wort und Tat, nichts mehr verschleiern, sich erneuern, eintreten für eine Welt, die Zukunft hat – das darf nicht erst beginnen, wenn die Aufarbeitung abgeschlossen ist. Solange die Kirche noch auf dem Weg ist – und der Weg ist noch lang – muss das Bemühen unterwegs sichtbar werden.
Ich muss gestehen: es fällt mir schwer, dieses Bemühen zu sehen. Zu viele Schlagzeilen, hinter denen jeweils erschütternde Schicksale stehen, erzählen das Gegenteil: nichts gelernt, nichts verändert. Ich warte immer noch auf eine nachhaltige Umkehr der Verantwortlichen an den Schlüsselpositionen der Macht in unserer Kirche. Aber da will ich nicht stehenbleiben.
Ich denke an eine Schlüsselszene im dritten Buch (und Film) von Harry Potter: Harry steht am Ufer des Sees und beobachtet aus der Ferne (und aus der „Zukunft“), wie sein Freund Sirius von den Todessern überwältigt wird. Er wartet auf den geheimnisvollen Patronus, den er bei seinem ersten Erleben der Szene (bisschen komplizierte Zeitreisegeschichte, sorry…) schon gesehen hat und der Sirius retten wird. Er wartet. Und wartet. Der Patronus kommt nicht. Bis im letzten Moment Harry selbst diesen schützenden Zauber vollzieht und so seinen Freund rettet. Und erst im Nachhinein begreift, dass er es von Anfang an selber war, der die Lösung in der Hand hatte.
Was ist meine Verantwortung hier? Als Nicht-Synodale, als Nicht-Geweihte, als (in großen Teilen) Nicht-Mitentscheiderin in den großen Fragen?
Meine Verantwortung: die Hoffnung teilen.
Und jetzt schon dieser Kirche ein Gesicht geben.
Mein Gesicht.
Voll an der Seite der Menschen stehen, in Wort und Tat,
nichts mehr verschleiern,
mich erneuern,
eintreten für eine Welt, die Zukunft hat.
Meine Verantwortung:
Laut sein für die, die keine Stimme mehr hat.
Mich einsetzen für die, deren Würde wieder und wieder verletzt wird auf dem langen Weg zur Anerkennung des Leids.
Nicht mehr schweigen, nicht wegsehen.
Auf meine Worte achten, denn Worte schaffen Wirklichkeit.
Auf die Worte anderer achten – und streiten, wo es nötig ist.
Den Mund aufmachen, wenn es in mir grummelt, weil ich mich unwohl fühle mit Formulierungen und Haltungen – auch, wenn ich damit unbequem auffalle.
„Das war schon immer so“ nicht stehen lassen. Wenn das, was schon immer so war, viele nicht stört, aber für einige verletzend, entwürdigend, ungerecht und traumatisierend ist, dann ist das ein guter Grund, es anders werden zu lassen.
Es ist nie egal.
Es darf mir nicht egal sein.
Dranbleiben.
Das ist meine Verantwortung.
Nicht, weil ich es alleine für alle verändern kann.
Aber der,
dem ich begegne,
für den ich in diesem Moment das Gesicht von Kirche bin – nicht nur als hauptamtliche Seelsorgerin, sondern als Christin, als Getaufte, als Schwester, als Mitmensch –
soll aufatmen können, weil da Hoffnung ist.
In kleinen Schritten.
Auf einem langen Weg.
Unter Gottes Segen.
Daniela Ballhaus – Theologin, Pastoralreferentin, bloggt bei Instagram unter es.geht.anders



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