Wenn Shakespeare unsere Gegenwart beleuchtet

Warum klassische Literatur politischer ist, als viele denken

Kann ein über 400 Jahre alter Text aktueller sein als so manche politische Debatte der Gegenwart? Wer derzeit Sir Ian McKellen erlebt, könnte genau diesen Eindruck gewinnen.

Der 86-jährige Schauspieler – vielen bekannt als Gandalf aus „Der Herr der Ringe“ – rezitiert in einem vielbeachteten Auftritt einen Monolog aus dem Historiendrama „Sir Thomas More“. Das Stück entstand um 1600 in Zusammenarbeit mehrerer Autoren; eine zentrale Szene wird William Shakespeare zugeschrieben. Im Mittelpunkt steht Thomas Morus – Humanist, Staatsmann und Märtyrer.

Eine Rede gegen Fremdenhass

Im Drama tritt Morus einem aufgebrachten, ausländerfeindlichen Mob entgegen. Seine Argumentation ist ebenso klar wie eindringlich: Wer Menschen vertreibt, entrechtet oder verfolgt, zerstört nicht nur deren Würde – sondern untergräbt die Grundlagen der eigenen Gesellschaft.

„Nehmt an, ihr wärt sie los …“ – so beginnt die berühmte Passage. Morus führt den Aufgebrachten vor Augen, was ihr Handeln bedeuten würde: die Legitimation von Gewalt, die Aushöhlung von Recht und Ordnung, die Entfesselung einer Brutalität, die sich letztlich gegen alle richten kann. Es ist eine leidenschaftliche Verteidigung von Menschlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und Empathie.

Klassische Literatur – brennend aktuell

Was diesen Text so bemerkenswert macht, ist seine Zeitlosigkeit. Die Mechanismen von Ausgrenzung, populistischer Zuspitzung und politischer Instrumentalisierung von Angst sind keine Phänomene unserer Tage. Shakespeare – oder zumindest sein Kreis – hat sie bereits um 1600 literarisch verdichtet.

Dass McKellens Vortrag heute große Resonanz findet, zeigt: Klassische Literatur ist kein museales Gut. Sie ist ein Resonanzraum, in dem sich gesellschaftliche Konflikte spiegeln und zuspitzen. Wenn ein Text über vier Jahrhunderte hinweg argumentative Kraft behält, spricht das für seine anthropologische Tiefe.

Thomas Morus: Gewissen und Verantwortung

Die historische Figur Thomas Morus (1478–1535) verweigerte seinem König aus Gewissensgründen den Gehorsam und bezahlte dafür mit dem Leben. Im Drama wird er zur Stimme der Vernunft in einer aufgeheizten Situation. Er argumentiert nicht polemisch, sondern appelliert an die Fähigkeit zur Perspektivübernahme: Was, wenn wir selbst die Vertriebenen wären?

Diese Frage bleibt verstörend aktuell.

Bildung als Schule der Menschlichkeit

Gerade für Bildungs- und Kulturinstitutionen ergibt sich daraus eine bleibende Aufgabe: Literatur ist keine Flucht aus der Realität, sondern eine Schule des Denkens und der Empathie. Sie schafft Distanz – und ermöglicht gerade dadurch ein klareres Sehen.

Shakespeares Worte erinnern daran, dass Humanität kein selbstverständlicher Zustand ist, sondern immer wieder neu verteidigt werden muss – gegen Vereinfachung, gegen Enthemmung, gegen Barbarei.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Aktualität dieses alten Textes: Er ruft uns nicht nur etwas zu. Er stellt uns eine Frage.

Das eindrucksvolle Video von Sir Ian McKellen ist auf YouTube abrufbar.

Quelle: Wolfgang Pilcher, Bonner Generalanzeiger