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Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“

Ein Roman zwischen Theater, Liebe und Gesellschaft

Kaum ein Roman der deutschen Literatur hat die Vorstellung vom Bildungsroman so nachhaltig geprägt wie „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ von Johann Wolfgang von Goethe. Und doch entzieht sich das Werk jeder einfachen Einordnung. Es erzählt von der Suche eines jungen Mannes nach seinem Platz im Leben – und führt zugleich tief in die Welt des Theaters, in Fragen von Kunst, Gesellschaft und persönlicher Reifung.
Unsere Goethe Akademie lädt dazu ein, diesen vielschichtigen Roman aus unterschiedlichen Perspektiven neu zu entdecken. Vorträge, Gespräche und gemeinsame Lektüre eröffnen Einblicke in Goethes Erzählkunst, in die Theaterpraxis seiner Zeit und in die großen Themen des Werkes: die Faszination der Bühne, die rätselhaften Gestalten Mignon und des Harfners, die Rolle der Frauenfiguren sowie die gesellschaftlichen Umbrüche am Ende des 18. Jahrhunderts.
Auch der kulturelle Ort selbst wird zum Teil der Annäherung: Exklusive Begegnungen mit den Sammlungen der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, ein letzter Besuch im Wohnhaus Goethes und ein Ausflug zum Schloss Kochberg lassen die Weimarer Lebenswelt des Dichters lebendig werden. Ein Liederabend mit Vertonungen von Franz Schubert im Festsaal des Goethe-Nationalmuseums rundet das Programm musikalisch ab.
Wir laden Sie herzlich ein, Goethes Roman nicht nur zu lesen, sondern im Gespräch, in der Musik und an historischen Orten neu zu erleben.

Sandra Gilles
Leiterin des Referates Ferienakademien Thomas-Morus-Akademie Bensberg

Prof. Dr. Stefan Matuschek
Präsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar

Ihr/e Reiseleiter/in

Donnerstag, 23. Juli 2026
Individuelle Anreise zum Hotel Dorint Am Goethepark Weimar.

15.00 Uhr
Willkommen zur Goethe Akademie!
Begegnungen und Gespräche bei Kaffee, Tee und Gebäck
Susanne Bonenkamp M.A., Theaterwissenschaftlerin
Prof. Dr. Benedikt Jeßing, Germanist und Literaturwissenschaftler, Ruhr-Universität Bochum

16.00 Uhr I Vortrag und Gespräch im Hotel
Theaterroman und szenisches Erzählen
Eine Einführung
„Wilhelm Meisters Lehrjahre“ ist ein Werk über die Bühne: Der Roman präsentiert präzise die verschiedenen Spielarten des Theaters im 18. Jahrhundert. In den ersten fünf Büchern taucht der Held tief in das Theatermilieu ein, das ihm zunächst als Lebensziel erscheint. Dabei ist das Werk selbst „wie Theater“ erzählt: Goethe arrangiert zahlreiche Passagen als lebendige Szenen, die in ihrer Dynamik oft an Komödien oder Operetten erinnern.
Prof. Dr. Benedikt Jeßing

19.30 Uhr | Abendessen im Hotelrestaurant


Freitag, 24. Juli 2026
Frühstück

9.00 Uhr I Vortrag im Hörsaal des Studienzentrums der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
In Shakespeares Schatten
Von der Lektüre zur Inszenierung
Angeregt durch einen Lesetipp Jarnos begeistert Wilhelm sich für Shakespeare und wird schließlich zum Spiritus Rector der wegweisenden „Hamlet“-Inszenierung auf der städtischen Bühne Serlos und Aureliens. Die Schilderung dieser Theaterarbeit – vom Textverständnis bis zur Regie – gilt als äußerst innovativ. Dass sein Auftritt als Hamlet gleichzeitig Höhe- und Endpunkt seiner Theaterlaufbahn sein würde, konnte Wilhelm ja nicht ahnen ...
Prof. Dr. Benedikt Jeßing

10.15 Uhr I Vortrag auf der Vulpius-Galerie
Theaterwelten
Das Weimarer Hoftheater um 1800
Was wissen wir heute noch über die Bühnenpraxis des Weimarer Hoftheaters um 1800? Wie funktionierte die Kulissenbühne, wie sahen Kostüme sowie Dekorationen aus und was verraten sie uns über die Ästhetik der Weimarer Stilbühne? Gehen Sie mit uns auf Spurensuche und gewinnen Sie einen exklusiven Einblick in die theaterhistorische Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Dr. Claudia Streim, Stellv. Abteilungsleiterin Wissensforum Bibliothek

Gelegenheit zur individuellen Mittagspause

14.00 Uhr I Besuch in Goethes Wohnhaus
Abschied auf Zeit
Goethes Wohnhaus vor der Restaurierung
Die historischen Räume des Bürgerhauses, in dem Goethe fast sein gesamtes Erwachsenenleben verbrachte, spiegeln seine ästhetischen Grundeinstellungen auf eindrucksvolle Weise wider. Wer das authentische Lebensumfeld Goethes noch einmal in seiner jetzigen Form erleben möchte, sollte die Gelegenheit nutzen: Ab November 2026 schließt das berühmte Wohnhaus am Weimarer Frauenplan seine Pforten für eine umfassende, zweijährige Sanierung.
Dr. Francesca Müller-Fabbri, Kunst- und Kulturhistorikerin, im Auftrag der Klassik Stiftung Weimar

15.45 Uhr I Vortrag im Hörsaal des Studienzentrums der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Mignon und der Harfner
Rätselhafte Gestalten zwischen Sehnsucht und Schicksal
„Nur die italienischen Figuren knüpfen, wie Kometen-Gestalten, und auch so schauerlich wie diese, das System [der anderen Figuren] an ein entferntes und größeres an“, notierte Schiller am 2. Juli 1796 in einem Brief an Goethe. Auch wenn Mignon und der Harfner nicht im klassischen Sinne „schauerlich“ wirken, umgibt sie doch eine Aura des Unfassbaren. Besonders Mignon bleibt zeit ihres Lebens ein ungelöstes Rätsel. Zugleich ist sie die wohl bewegendste Gestalt des Romans: Ihre sehnsuchtsvollen Lieder, die tiefe Hingabe zu Wilhelm und ihr tragisches Ende verleihen der Erzählung eine emotionale Dichte, die weit über das Alltägliche hinausreicht.
Prof. Dr. Benedikt Jeßing

18.00 Uhr | Abendessen im Hotelrestaurant

19.30 Uhr I Liederabend im Festsaal des Goethe-Nationalmuseums
„Kennst du das Land …?“
Goethes Romanfiguren im Lied
Die Lieder, die Goethe in seinem Roman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ den Figuren des Harfners und der Mignon in den Mund legt, gehören zu den anrührendsten Stellen des Romans. Franz Schubert vertonte sie in anteilnehmender Begeisterung und kongenialer Innigkeit – wenngleich die Kompositionen nicht den Geschmack des Dichters trafen; den des Publikums treffen sie noch immer.
Judith Hopfhauer, Sopran
Hebing Jia, Bariton
Alban Matthiaß, Klavier


Samstag, 25. Juli 2026
Frühstück

9.00 Uhr I Vorträge im Hörsaal des Studienzentrums der Herzogin Anna Amalia Bibliothek
Wilhelm und die Frauen
Frauenfiguren zwischen Theaterwelt und Turmgesellschaft
Wilhelms Weg durch den Roman wird von unterschiedlichen Frauenfiguren begleitet, deren Abfolge keineswegs zufällig erscheint. Mariane, Philine und Aurelie gehören zur Welt des Theaters, verkörpern jedoch jeweils eigene Lebensentwürfe. Therese und Natalie treten im Umfeld des Reformadels und der Turmgesellschaft auf – auch sie könnten unterschiedlicher kaum sein. Erst in Natalie verdichtet sich schließlich das Ideal der „schönen Seele“.
Gesellschaft im Wandel
Rokoko-Adel, Reformadel und bürger-liche Aufstiegsmodelle
In „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ begegnet der Sohn eines bürgerlichen Handelsmannes ganz unterschiedlichen Formen adligen Lebens: dem traditionellen Rokoko-Adel des dritten Buches mit seinen ausgeprägten Repräsentationsbedürfnissen und Intrigen sowie dem Reformadel um Lothario, der vom Geist der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung geprägt ist und beinahe demokratische Vorstellungen von Gesellschaft erkennen lässt. All dies entfaltet sich in einem Roman, der wenige Jahre nach der Französischen Revolution geschrieben wurde, dessen Handlung jedoch rund anderthalb Jahrzehnte vor ihr angesiedelt ist.
Prof. Dr. Benedikt Jeßing

Gelegenheit zur individuellen Mittagspause

12.30 Uhr I Fahrt nach Großkochberg
Goethe in Großkochberg
Erinnerungsort einer besonderen Freundschaft
Der Ausflug führt zum Schloss Kochberg – ein Ort, der eng mit dem Leben von Johann Wolfgang von Goethe verbunden ist. Hier verbrachte Charlotte von Stein während der Sommermonate ihre Zeit auf dem Landsitz der Familie; ihre Beziehung zu Goethe gehörte über viele Jahre zu den prägenden Bindungen im Leben des Dichters. Bei einer Führung durch Schloss und Park erschließt sich die besondere Atmosphäre dieses historischen Ensembles, das einen anschaulichen Einblick in Goethes Lebenswelt bietet.

15.30 Uhr | Kaffee und Kuchen im „Café Lotte“

17.00 Uhr I Besuch der Aufführung im Liebhabertheater
„Gestehe, dass ich glücklich bin“
Ein freundschaftlicher Balladenwettstreit zwischen Goethe und Schiller
Der Schauspieler Helmut Mooshammer lässt die berühmten Werke in einer packenden Lesung lebendig werden, während der Bariton Cornelius Uhle und Janis Neteler an der Laute den Nachmittag musikalisch veredeln. Zu hören sind ausgewählte Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“ in der Vertonung von Friedrich Heinrich Himmel.

18.45 Uhr | Rückfahrt nach Weimar und Imbiss im Hotelrestaurant


Sonntag, 26. Juli 2026
Frühstück

9.00 Uhr I Gelegenheit zum Besuch eines katholischen Gottesdienstes

10.00 Uhr I Vortrag und Gespräch im Hotel
Erziehung und ästhetische Bildung
Wilhelm Meisters Weg zwischen Turmgesellschaft und „Saal der Vergangenheit“
Entspricht „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ tatsächlich dem Ideal des Bildungsromans? Der Text hinterfragt die Rollenverteilung von Erziehenden und Lernenden und beleuchtet die ambivalente Funktion der Turmgesellschaft: Ist sie lenkende Autorität im Hintergrund oder eher Spiegel gesellschaftlicher Erwartungen? Vor diesem Hintergrund gilt es, Wilhelms Bildungsideale einzuordnen und zu prüfen, ob sein Weg in erfolgreiche Integration mündet oder ob der Bildungsbegriff selbst zur Disposition steht.
Prof. Dr. Benedikt Jeßing

12.00 Uhr | Mittagsimbiss im Hotel und Verabschiedung

Änderungen im Programmverlauf und in der Organisation bleiben vorbehalten.

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