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Durchaus modern

Goethes „Wilhelm Meister“- Romane

Goethes Romane sind in einer historischen Situation entstanden, in der sich Vormoderne und Moderne begegnen. Wird in den „Lehrjahren“, noch im 18. Jahrhundert geschrieben und veröffentlicht, ein Ideal menschlicher Bildung entworfen, das sich in einer harmonischen Verbindung von Adels- und Bürgergesellschaft entfalten soll, so ist in den „Wanderjahren“- in erster Fassung 1821, erweitert und verändert 1829 erschienen – derlei Harmonie nicht mehr wahrzunehmen. Erzählerische Geschlossenheit wird nunmehr von einer multiperspektivischen Darstellung abgelöst. Hatte der Romantiker Friedrich Schlegel die „Lehrjahre“ noch unter die „größten Tendenzen des Zeitalters“ eingereiht, so stießen die „Wanderjahre“ auf ein überwiegend ablehnendes Echo. Als literarische Diagnose der anbrechenden Moderne und als Zeugnis von Goethes ironisch-doppelbödigem Altersstil verdienen sie gleichwohl unsere Aufmerksamkeit. Das Verhältnis des Menschen zur Natur zählt zu den zentralen Anliegen der Romane. Insofern ist es eine glückliche Koinzidenz, dass die Klassik Stiftung Weimar sich 2021 in Ausstellungen und Modellprojekten – in Korrespondenz zur Bundesgartenschau – dem Thema „Neue Natur“ widmet. Unser Begleitprogramm erfährt dadurch eine wertvolle Bereicherung.

Donnerstag, 8. Juli 2021
Individuelle Anreise zum Hotel Dorint Am Goethepark Weimar****S.

15.30 Uhr
Willkommen zur Goethe Akademie!
Begegnungen und Gespräche bei Kaffee, Tee und Gebäck
• Susanne Bonenkamp M.A., Bergisch Gladbach, Theaterwissenschaftlerin
• Prof. Dr. Jochen Golz, Weimar
  Vizepräsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar e. V.

16.30 Uhr I Vortrag und Gespräch im Hotel
Eine „Wallfahrt nach dem Adelsdiplom“?
Soziale Spannungen in den „Lehrjahren“
Seit ihrem ersten Erscheinen ist den „Lehrjahren“ angekreidet worden, dass der Bildungsweg des Titelhelden auf seine Eingliederung in eine Adelsgesellschaft hinsteuert. So sehr der Anschein dafür spricht, so dürfen doch die ironischen Lichter nicht übersehen werden, die Goethe dem Romangeschehen aufsetzt.

18.30 Uhr | Abendessen im Hotelrestaurant

20.00 Uhr | Lesung im Hotel
„Der Mann von fünfzig Jahren“
Lesung der Novelle mit verteilten Rollen

Freitag, 9. Juli 2021
Frühstück
9.15 Uhr I Vortrag und Gespräch im Hotel
„Nur wer die Sehnsucht kennt …“
Realistisches und Romantisches im Widerstreit
Es ist kein Zufall, dass Romanfiguren wie Mignon und der Harfner sich am reinsten und unmittelbarsten im lyrischen Vers artikulieren. Indem Goethe ihnen Stimme gibt und sie am Ende verstummen lässt, gibt er seine Skepsis hinsichtlich der Rolle der Kunst in der bürgerlichen Moderne zu erkennen.

11.00 Uhr | Spaziergang zum Goethe- und Schiller-Archiv

11.45 Uhr | Besuch und Präsentation
„Vieles reicht ich meinen Lieben“
Ein Besuch im Goethe- und Schiller-Archiv
Goethes Nachlass – kostbarster Besitz des ältesten deutschen Literaturarchivs – enthält auch handschriftliches Material zu den „Wilhelm Meister“- Romanen, das vorgestellt und erläutert wird. Erster Kritiker der „Lehrjahre“, und zwar noch im Manuskript, war Schiller, dessen Briefe an den Autor das Archiv ebenfalls bewahrt. (Je nach Anzahl der Teilnehmenden wird die Gruppe geteilt.)
• Dr. Silke Henke, Weimar
  Abteilungsleiterin Medienbearbeitung und -nutzung, Goethe- und Schiller-Archiv, Klassik Stiftung Weimar

Gelegenheit zur Mittagspause

14.15 Uhr | Rundgang durch den Park an der Ilm
„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu trennen“
Lyrischer Parkspaziergang mit Gedichtrezitationen
Die Gestaltung des englischen Landschaftsgartens ist durch Malerei und Literatur geprägt und hat stets zur künstlerischen Auseinandersetzung angeregt. Beim lyrischen Spaziergang durch den Park an der Ilm lauschen wir Gedichten der Goethezeit und blicken anhand späterer Werke darauf, wie sich unser Verhältnis zur Natur im Laufe der Zeit gewandelt hat.
• Felix Zühlsdorf, Weimar
  Referent kulturelle Bildung, Stabsreferat Kulturelle Bildung, Klassik Stiftung Weimar

16.30 Uhr | Vortrag und Gespräch
Goethe in Gesellschaft
Besuch der Goethe-Gesellschaft im Residenzschloss Weimar
Nach dem Tod des letzten Goethe-Enkels Walther Wolfgang von Goethe wurde auf Anregung der Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach 1885 die Goethe-Gesellschaft gegründet. Sie ist heute die größte literarische Gesellschaft Deutschlands mit 2 500 Mitgliedern in 40 Ländern der Welt und kann auf eine beeindruckende Geschichte zurückblicken.
• Prof. Dr. Jochen Golz, Weimar
  Vizepräsident der Goethe-Gesellschaft in Weimar e. V.
• Dr. Petra Oberhauser, Weimar
  Geschäftsführerin der Goethe-Gesellschaft in Weimar e. V.

18.30 Uhr | Abendessen im Hotelrestaurant

20.00 Uhr | Vortrag und Gespräch im Hotel
„Kennst du das Land …“
Gedichte aus „Wilhelm Meisters Lehrjahren“ in Vertonungen von Schubert, Schumann und Hugo Wolf

Samstag, 10. Juli 2021

Frühstück

9.15 Uhr | Vortrag und Gespräch
„Es wird kommen und treffen“
Das „Maschinenwesen“ als Warnzeichen einer neuen sozialen Realität
Tradition und Moderne treten in den „Wanderjahren“ in ein spannungsvolles Verhältnis. Gegen die Tendenzen der frühkapitalistischen Industrialisierung werden die bewahrenden Elemente Kultur und Bildung aufgerufen. Perspektivisch entsteht ein ironischer Schwebezustand.

11.15 Uhr | Gang zum Bauhaus Museum

11.45 Uhr | Besuch der Ausstellung im Bauhaus Museum
Bauhaus und Natur: Lyonel Feininger mit dem Rad unterwegs
Eine künstlerische Radtour auf den Spuren Lyonel Feiningers anlässlich seines 150. Geburtstages
Die Ausstellung „Bauhaus und Natur: Lyonel Feininger – mit dem Rad unterwegs“ bricht mit 30 von Feiningers zahllosen Naturnotizen und ihrer künstlerischen Umsetzung in grafischen Blättern aus dem eigenen Bestand zu einer bildnerischen Radtour in die Umgebung auf, die sich über zeitgenössische Fotografien von Thomas Wetzel in die Gegenwart fortsetzt und zum genaueren Hinschauen einlädt. Die  Ausstellung findet im Rahmen des Themenjahres der Klassik Stiftung Weimar „Neue Natur“ statt.

12.30 Uhr | Gelegenheit zur Mittagspause

14.15 Uhr | Besuch der Ausstellung im Schiller-Museum
„Ich hasse die Natur!“
Sonderausstellung im Schiller-Museum
Mit dem titelgebenden Motto, einem Thomas Bernhard-Zitat, setzt die Ausstellung unseren idyllischen Parkanlagen einen starken Kontrapunkt entgegen. Natur wird in der Ausstellung als mächtig, bedrohlich und gewalttätig gezeigt, in ständiger Auseinandersetzung mit dem Menschen, der sich ihr anpasst, sie zerstört und im Gegenzug von ihr zerstört wird. Mit der Ausstellung greift die Klassik Stiftung Weimar aktuelle Themen auf: den Einfluss des Menschen auf die Natur und die Zukunft der Natur, die zugleich auch eine des Menschen sein wird.

17.15 Uhr | Gang zum Theater im Gewölbe

18.00 Uhr | Theaterbesuch
Die Leiden des jungen Werther
Lottes Version der unsterblichen Geschichte
Es ist „das Büchlein“ des Sturm und Drang, welches Goethe 1774 mit einem Schlag in Europa berühmt machte. „Die Leiden des jungen Werther” war der Medienskandal des 18. Jahrhunderts. Zensur und Verbot konnten den Roman in seiner weltweiten Wirkung nicht aufhalten. Die Geschichte einer unglückseligen Liebe, die im Selbstmord endet, hat bis heute Generationen berührt und beeindruckt. Doch wie sah Lotte, das Objekt von Werthers Anbetung, die dramatischen Ereignisse? Wie erging es ihr dabei? – Eine Spurensuche. Schauspiel von Walter Hesse. Mit Anna Stock als Lotte.

20.15 Uhr | Abendessen im Hotelrestaurant

Sonntag, 11. Juli 2021

Frühstück

9.00 Uhr | Gelegenheit zum Besuch eines katholischen Gottesdienstes

10.00 Uhr | Vortrag und Gespräch im Hotel
„Bleibe nicht am Boden heften“
Auswanderung als Alternative?
Seit den 1820er Jahren gibt es in Deutschland eine aus purer Not geborene Auswandererbewegung. In den „Wanderjahren“ wird das aufgegriffen. Ist Auswanderung eine humane soziale Alternative oder mündet sie eher in eine sich in der Fremde etablierende Notstandsdiktatur? Kontrovers wird dieses Thema in der Forschung diskutiert.

12.15 Uhr | Mittagsimbiss im Hotelrestaurant und Verabschiedung

Änderungen im Programmverlauf und in der Organisation bleiben vorbehalten.

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