„Auf Gleisen reisen“, „Der Weg ist das Ziel“ – oder: „D’r Zoch kütt!“
Lieber Daniel, Du bist seit einigen Jahren für die Thomas Morus-Akademie als Reiseleiter tätig und warst für uns oft in Italien, Frankreich und Großbritannien unterwegs. Unsere Kunden schätzen Dich nicht zuletzt wegen Deiner Liebe zur Kunst und den „Lektüre-Stunden“ bei längeren Busfahrten. Im vergangenen Jahr hast Du unser Reiseportfolio aber mit einem neuen Konzept und einer uns bislang unbekannten „Liebe“ bereichert. Du warst mit einer Gruppe auf einer Bahnreise durch die Schweiz. Wie kam es dazu?
Die Reise war durch verschiedene Erfahrungen beeinflusst. Immer wieder formulierten Gäste den Wunsch mit der Bahn zu reisen. Die Schweizer Landschaften in ihrer Vielfalt lassen sich von der Schiene viel besser erleben als von der Straße; man fährt ruhig dahin, während man durch große Fenster auf die Landschaft schaut. Und nicht zuletzt sind mir die Strecken schon seit Kindesbeinen vertraut, denn das Interesse für Eisenbahnen habe ich von meinem Vater geerbt, der mit uns Kindern schon alle diese Strecken abgefahren ist.
Was macht für Dich den Reiz dieser Reise aus?
Der Reiz liegt einerseits in den Fahrten entlang der schönsten Strecken und den Blicken, die sich auf die Landschaft ergeben. Er liegt andererseits an der unglaublichen Vielfalt an Schweizer Eindrücken, die sich auf der Reise ergeben. An einem Tag bummelt man noch durch die malerischen Gassen von Luzern und am nächsten Tag steht man in Montreux am Ufer des Genfer Sees, um am Abend desselben Tages zum Matterhorn hinaufzuschauen. Es stellt sich das Gefühl ein, einen viel größeren geographischen Radius durchschritten zu haben und viel länger unterwegs zu sein.
Aber auch das Bahnfahren selbst macht Spaß. Die Züge sind pünktlich und sauber, das Personal freundlich und die Freude an den Streckenführungen, die wir als Kinder hatten, wenn der Zug sich durch Kehrtunnel windet und das Tal mal links, mal rechts des Wagens liegt, stellt sich auch im Erwachsenenalter rasch wieder ein. Nicht nur bei mir, wie ich feststellen konnte.
Was war das Beeindruckendste auf der Fahrt 2025?
Es war eine wunderbare Reise mit vielen schönen Eindrücken, aber zwei Dinge haben überrascht. Ein kurzzeitiger „Wintereinbruch“ in St. Moritz, als es über Nacht geschneit hatte und wir morgens auf weiße Hänge schauten. Wir sind dann mit einer Bergbahn hinaufgefahren und standen Anfang Juli im Schnee, der freilich bis zum Abend wieder abgeschmolzen war. Die am darauffolgenden Tag stattfindende Fahrt ins italienische Veltlin über den Bernina brachte uns den Sommer zurück. Das zweite Erlebnis war eine Streckenunterbrechung auf der Rückreise nach Chur, infolge eines Steinschlages wurde die Strecke zwischen Tiefencastel und Thusis für unseren Zug gesperrt. Die Zugbegleiterin kam dann in unseren Wagen, erkundigte sich nach unserm Ziel, zählte die Insassen und verwies auf einen Ersatzverkehr zwischen den beiden Bahnhöfen. Dort standen dann ausreichend Postbusse zur Verfügung, die uns nach Thusis brachten. Die Zugbegleiterin schaute, dass alle Reisenden einen Platz in den Bussen erhielten, fuhr selbst mit, schaute, dass alle in Thusis in einen bereitstehenden Ersatzzug umstiegen und erst als sie sicher war, dass alle Passagiere wieder im Zug waren, erfolgte die Abfahrt. Wir kamen dann mit 11 Minuten Verspätung in Chur an, was niemanden in seiner Weiterreise behinderte, aber die sorgfältige Organisation und die umschauende Fürsorge für alle Fahrgäste war einfach umwerfend.
Die Reise beginnt in Interlaken und endet in Chur. Das klingt auf den ersten Blick kompliziert und knifflig?
Ich denke, dass es eher ein Vorteil ist. Die Erfahrung des Jahres 2025 zeigte, dass die Teilnehmer aus sehr unterschiedlichen Regionen kamen und dass etliche die Gelegenheit genutzt haben, vor oder nach der Reise einige zusätzliche Tage in der Schweiz zu verbringen. Da jeder Teilnehmer zudem ein Half-Fare-Ticket, eine Art Schweizer „Bahncard“ auf Zeit erhält, die 50% Rabatt auf die regulären Preise der Züge, vieler Bergbahnen und Schiffe gewährt, sind die Voraussetzungen dafür optimal.
Und was die An- und Abreise betrifft: Beide Bahnhöfe sind durch einen regelmäßigen Takt mit dem deutschen Schienennetz verbunden. Die Anreise nach Interlaken und die Abreise von Chur sind daher mit der Bahn möglich. Sicher, die Deutsche Bahn gilt gemeinhin als Ausbund der Unzuverlässigkeit, bedauerlicherweise oftmals zu Recht, aber den Rhein entlang nach oder von Basel sind die Verbindungen so häufig, dass auch bei Verspätungen oder gar Zugausfällen die An- und Abreise gut funktioniert. Wer das rettende Schweizer Ufer erreicht hat, ist ohnehin so gut wie in Abrahams Schoß.
Eine gemeinsame Anreise mit dem Bus ab Köln wäre zudem ein erheblicher Kostenfaktor, der die Reise um einige hundert Euro verteuern würde und insbesondere für diejenigen Teilnehmer, die nicht aus dem Kölner Raum kommen und ohnehin individuell anreisen, ohne Gegenwert wäre.
Manch eine/r denkt jetzt vielleicht, Ihr sitzt während der Reise ganzen Tag im Zug …?
Gott bewahre, die Bahnfahrten sind eindrucksvoll, aber sie werden durch viele Erlebnisse außerhalb des Zuges ergänzt. Wir besuchen verschiedene Städte, fahren auf den Gornergrat, wo wir zwischen den Viertausendern der Alpen stehen, fahren mit dem Schiff über den Brienzersee, besuchen das Segantini-Museum und bieten Gelegenheit zu einer leichten Wanderung im Engadin. Zwei „bahnfreie“ Tage während der Reise und individuelle Pausen sorgen für ausreichend Abwechslung.
Welche Nachricht hast Du für alle, die sich das Reisen im Zug dennoch als „unbequem“ vorstellen? Ein Reisebus bietet doch auch einen geschützten Raum für die Gruppe und das Gepäck ist gut verstaut …
Reisebusse bieten einen großen Komfort, keine Frage. Die Gruppe kommt im Bus immer wieder zusammen, man kann persönliche Dinge dort zurücklassen, ich als Reiseleiter kann über das Bordmikrofon zu den Gästen sprechen. Aber kurvenreiche Fahrten durch das Gebirge sind nicht für jedermann das Rechte und auf den Autobahnen und in den Basistunneln erlebt man die Bergwelt nur eingeschränkt. Wer die Berge mit einem Verkehrsmittel erfahren will, der ist im Zug am besten aufgehoben, denke ich. Auch für den Austausch innerhalb der Gruppe ist das einander zugewandte Sitzen im Zug vorteilhaft.
Und was die Gepäckmitnahme angeht. Von Interlaken nach Zermatt wird das Gepäck separat transportiert, von Zermatt nach St. Moritz kann man es im Glacier-Express mitnehmen. Von den Bahnhöfen zu den Hotels und zurück gibt es Transfers.
Auch die bequemen Hotels mit ihrer angenehmen Atmosphäre tragen zur entspannten Stimmung auf der Reise bei. Dafür sorgen auch die gut gewählten Hotelstandorte. Interlaken, Zermatt und St. Moritz sind Orte in beeindruckender Landschaft.
Könnte dieses Konzept auch andernorts funktionieren? Welche Ziele kämen dafür infrage?
Auf jeden Fall. Die Schweizer Bahnstrecken sind berühmt, aber auch andernorts gibt es Streckenführungen, die spektakulär sind und entlang beeindruckender Landschaften führen. Die UNESCO hat mit der Erhebung zum Weltkulturerbe etlicher Eisenbahnstrecken ja gerade die besondere Verbindung von Landschaft, menschlichem Erfindungsgeist und kultureller Bedeutung anerkannt.
So könnte ich mir beispielsweise vorstellen, einmal auf den österreichischen Bahnstrecken oder in Großbritannien unterwegs zu sein.
Lieber Daniel, wir danken Dir für das erhellende Gespräch und wünschen ganz viel Freude bei Deiner nächsten Reise auf den schönsten Bahnstrecken durch die Schweiz!
Wer sich dieses Naturspektakel in diesem Jahr nicht entgehen lassen möchte -> Hier geht’s zur Ferienakademie „Der Weg ist das Ziel“
Daniel Leis, Reiseleiter
Copyright: Luzern_Panorama_C_Luzern_Tourismus; Glacier Express bei Zermatt; Daniel Leis; Rob Lewis Photography; GoldenPass-Express; Schweiz-Tourismus








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