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Auf ein Wort mit …

… Andreas Fuhrmann. Er ist Diplom-Theologe, systemischer Berater und Gestalter. In seinen drei Jahren in einem benediktinischen Kloster in Süddeutschland erlebte er eine intensive Zeit des spirituellen Lernens und Lebens. Zusammen mit seiner Frau Beate Cyrus, Diplom-Pädagogin und systemische Beraterin, leitet er den Jahreswechsel der Einkehr im Kloster Schöntal vom 28.12.2019 bis 1.1.2020, der sich dem persönlichen Inne halten und Kraft schöpfen in dieser Zeit widmet.

Anne-Katrin Kleinschmidt war im Gespräch mit Andreas Fuhrmann über Zeiten, Orte und Möglichkeiten einer persönlichen Einkehr:

Zur Ruhe kommen, das eigene Tun reflektieren, spirituellen Wurzeln nachspüren oder sie entdecken – dies kommt bei vielen Menschen im Alltag zu kurz. Warum „vertagen“ wir die Sinnsuche allzu oft auf Urlaube und besondere Zeiten wie den Jahreswechsel?

Ich würde das lieber positiv formulieren. Ich glaube, Auszeiten, Urlaube und besondere Jahreszeiten, wie die Zeit zwischen den Jahren, sind vor allem eine besondere Chance und haben oft auch eine besondere Kraft und Intensität für unsere Fragen, Sehnsüchte und für Neuausrichtung. AndersZeiten und AndersOrte sind wichtig. Vieles, was in solchen Zeiten möglich ist, ist im Alltag gar nicht machbar. Und das ist auch gut und richtig. Auch Lebensformen, die sich „hauptberuflich“ mit Sinnsuche beschäftigen, nehmen sich spezielle Auszeiten, Klausur- und Besinnungszeiten. Die Herausforderung ist es dann allerdings oft, etwas Wertvolles aus diesen Zeiten mit in den Alltag zu nehmen. Hier ist wichtig, dass man sich nicht überfordert und kleine Schritte geht und es vor allem als Übung ansieht, bei denen immer wieder auch „Ehrenrunden“ erlaubt sind.

Wie können historisch geprägte oder auch Orte in der Natur dazu verhelfen, neue Blicke auf sich selbst zuzulassen und zu öffnen?

Jeder Ortswechsel ermöglicht erst einmal einen Perspektivwechsel. Ein neues Umfeld mit anderer Luft, anderen Düften und anderen Geräuschen regt die Wahrnehmung an und erleichtert das Abschalten. Oft ist der Ortswechsel an sich schon eine erste wichtige Intervention für mehr innere Offenheit und Selbstwahrnehmung.

Historische Orte, alte und neue Klöster, Bildungs- und Seminarhäuser, das Meer oder ein Wald sind oft auch ruhiger und einsamer als unser Alltag, zumindest unter bestimmten Aspekten. Wir werden nicht ständig von anderen angefragt, hinterfragt, beurteilt und bewertet, wir haben keine Termine außer einer festen Tagesstruktur, und die meisten Menschen haben das gleiche Tempo wie wir. Natürlich hilft auch, dass man an solchen Orten oft das Handy auslässt oder eh keinen Empfang hat und sich nicht ums Essen kümmern muss. Die reizärmere und weniger alltägliche Situation macht es uns dann einfacher, uns selbst wahrzunehmen und uns selbst nicht aus dem Weg zu gehen.

Besondere Orte und die Natur haben natürlich darüber hinaus noch eine ganz eigene Kraft. In einem Kloster stellt man sich in eine Tradition oft Jahrhunderte langer Zentrierung, Introversion und Gottsuche. Ich glaube, dass man das spürt.

Das Leben im Kloster gestaltet sich nach festen Zeiten und Rhythmen, im Jahr, aber auch innerhalb eines Tages. Was können wir von der klösterlichen Spiritualität lernen und aufgreifen?

Für mich persönlich sind es im Wesentlichen fünf Punkte:

  1. Der Tagesrhythmus ist natürlich eines der klassischen Merkmale und wesentlichen Elemente im monastischen Leben. Feste Zeiten für Gebet, Essen, Rückzug, Erholung, Meditation und Gemeinschaft wechseln sich ab. Im Mittelpunkt stehen die Gebetszeiten, die den Tag immer wieder unterbrechen. Der Hl. Benedikt schreibt, dass dem Chorgebet nichts vorzuziehen ist. Die Arbeit soll liegenbleiben, sobald die Glocke läutet. Neben der Kraft, die das Gebet und der Meditation an sich haben, ist die tägliche Übung aber auch, den Wert unseres Schreibtisches nicht übermäßig wichtig zu nehmen und sich immer wieder neu auszurichten – seien es auch nur 20 Minuten, oder 5 oder manchmal auch nur 30 Sekunden.
  2. Zum Rhythmus der Mönche gehören auch die täglichen Stillezeiten auf seinem Zimmer. Für den Mönch ist seine Klosterzelle ein Ort der Alleinzeit, des Horchens und der Auseinandersetzung. Der heilige Benedikt rät einem sogar, viel Zeit in der Zelle zu verbringen, sie würde einem alles lehren, was man braucht. Ich denke es kann hilfreich sein, sich solche Stillezeiten und geschützte Räume zu schaffen – egal wie sie konkret aussehen mögen.
  3. Der heilige Benedikt schreibt in seiner Regel auch, dass man alles wie heiliges Altargefäß behandeln soll. Das klingt erstmal sehr katholisch, aber so oder so ähnlich gibt es diese Übung in vielen Spiritualitäten und Philosophien. Es heißt vor allem, dass wir achtsam mit den Dingen umgehen sollen und auch den scheinbar alltäglichsten und einfachsten Gütern einen Wert und eine Aufmerksamkeit beimessen sollen, um sie nicht als selbstverständlich hinzunehmen. Diese Haltung ändert schnell unseren Rhythmus, unsere Wahrnehmung und auch unseren Umgang mit Zeit. Probieren Sie es mal aus. Es fängt beim ersten bewussten Kaffee an, geht über das Spülen des Geschirrs bis zum Schließen der Jalousien.
  4. Außerdem habe ich erfahren, wie wertvoll es sein kann, mit wenigen und ganz anderen, als den sonst üblichen Dingen und Gewohnheiten auszukommen. Im Benediktinischen soll man sich bei jeder Anschaffung fragen: „Brauch ich das wirklich? Wenn ja, warum?“ Hierbei geht es nicht um Askese und übertriebenes Nichts-Haben, sondern um die Frage, welches Bedürfnis hinter dem Wunsch steckt. Auch ein emotionales Bedürfnis kann hier seine Berechtigung haben und gut sein. AndersZeiten und AndersOrte können helfen, die eigenen, echten Bedürfnisse besser zu reflektieren und zu spüren.
  5. Als letztes habe ich den Wert von Zeiten erfahren, in denen man auf sich selbst schaut. Besonders ganz am Anfang der Zeit im Kloster durfte ich eine intensive Zeit der Selbsterfahrung und Selbstkonfrontiertheit erfahren. Ich habe erfahren, wie wichtig es ist, sich Zeiten oder Räume zu nehmen, in denen man in seinen Prozessen nicht abgelenkt ist, wo man nicht weglaufen und den Dingen gut begleitet und sicher in die Augen schauen kann – ohne sich nach außen rechtfertigen zu müssen. Wie gut und wichtig es sein kann (nicht muss), auch mal schlechte Zeiten haben zu dürfen.

 

Sehr geehrter Herr Fuhrmann, wir danken Ihnen für das Gespräch und sind gespannt auf die Veranstaltung zum Jahreswechsel im Kloster Schöntal!

Die Fragen stellte Anne-Katrin Kleinschmidt, Referentin der Thomas-Morus-Akademie Bensberg.

Weitere Informationen zur Veranstaltung „Inne halte. Kraft schöpfen.“ finden Sie hier.