Installationsansicht Yayoi Kusama, Museum Ludwig Köln, 2026, Infinity Mirrored Room—The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025, detail, Sammlung der Künstleri

Zwischen Kunstwerk und Selfie

Warum immersive Ausstellungen uns gerade so faszinieren

Es gibt Ausstellungen, in denen man still vor einem Bild steht. Und es gibt Ausstellungen, in denen Menschen Schlange stehen, um sich selbst zu fotografieren. Die Werke von Yayoi Kusama gehören eindeutig zur zweiten Kategorie.

Wer derzeit durch die Räume des Museum Ludwig geht, begegnet nicht nur Kunst, sondern vor allem Menschen, die Kunst erleben wollen – mit Kamera, Smartphone und oft auch mit einer gewissen Ehrfurcht vor dem perfekten Moment. Spiegelräume, Lichtpunkte, unendliche Reflexionen: Kusamas Installationen sind überwältigend schön. Und genau deshalb werfen sie eine interessante Frage auf: Wann wird Kunst eigentlich zur Bühne?

Immersive Ausstellungen boomen seit Jahren. Räume sollen nicht mehr nur betrachtet, sondern „gefühlt“ werden. Besucherinnen und Besucher tauchen ein, bewegen sich mitten durch die Werke, werden Teil der Inszenierung. Das hat etwas Demokratisches. Kunst wirkt plötzlich weniger elitär. Man braucht kein kunsthistorisches Vorwissen, um beeindruckt zu sein.

Gleichzeitig verändert sich dadurch unser Blick auf Kunst. Viele Menschen erleben Ausstellungen heute durch den Bildschirm ihres Smartphones. Das Foto wird fast genauso wichtig wie der Moment selbst. Vielleicht sogar wichtiger. Die Erinnerung entsteht nicht mehr nur im Kopf, sondern mit dem Smartphone.

Gerade Kusamas Arbeiten scheinen dafür geschaffen. Die Spiegelräume wirken wie endlose digitale Welten, obwohl sie lange vor Instagram entstanden sind. Ihre Kunst passt verblüffend gut in eine Gegenwart, in der Sichtbarkeit ständig mit Bedeutung verwechselt wird.

Aber vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. Denn die Ausstellung zeigt nicht nur bunte Punkte und spektakuläre Räume. Sie hält uns auch einen Spiegel vor. Wie schauen wir heute auf Kunst? Warum suchen wir überall nach Erlebnissen? Und weshalb möchten wir so oft beweisen, dass wir irgendwo gewesen sind?

Vielleicht ist die eigentliche Erfahrung deshalb nicht der perfekte Fotomoment. Sondern der kurze Augenblick danach, wenn das Handy wieder verschwindet und der Raum plötzlich still wird.

Foto: Installationsansicht Yayoi Kusama, Museum Ludwig Köln, 2026, Infinity Mirrored Room—The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe, 2025, detail, Sammlung der Künstlerin © YAYOI KUSAMA Courtesy of Ota Fine Arts

Foto: Historisches Archiv mit Rheinischem Bildarchiv, Marc Weber

Pia von Boeselager, Referentin Öffentlichkeitsarbeit

Pia von Boeselager Referentin Thomas Morus Akademie Bensberg