Verletzlichkeit – Was sichtbar wird, wenn wir nicht mehr alles im Griff haben

Treffender könnte eine Überschrift in diesen Tagen wohl kaum sein. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen in der Generation meiner Eltern oder darüber hinaus gerade denken: Das haben wir alles doch schonmal erlebt?!

Das immer noch junge Jahr 2026 ist bisher von einer Vielzahl krisenhafter Ereignisse geprägt, die erahnen lassen, dass unsere derzeitige Weltordnung zunehmend zerbrechlicher wird. Dies mag auf der einen Seite eine unausweichliche Konsequenz unseres Drangs nach Fortschritt und Weiterentwicklung sein. Aber zugleich wird deutlich, dass der Fortschritt immer auch einen Preis hat. Nicht zuletzt der in diesen Tagen verstorbene Jürgen Habermas, das intellektuelle Gewissen des Neubeginns, den Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg unternahm, sah sich zuletzt durch die globalen Umwälzungen, etwa im Ukraine-Konflikt zunehmend infrage gestellt. Ist der Krieg etwa doch der Vater aller Dinge?

Ein guter Grund, die Passion, die wir an diesem und jedem Palmsonntag hören, dieses Jahr vielleicht noch einmal bewusster zu erleben und an uns heranzulassen. Jesus der Herr hat weder bei seinem Einzug in Jerusalem noch bei seiner Kreuzigung alles im Griff. Er überlässt sich dem Willen Gottes, der ihn vom euphorischen „Hosianna!“ bis zum hasserfüllten „Kreuzige ihn!“ führt. Nur wenige andere Überlieferungen vom Gottessohn zeigen wohl so sehr seine menschliche Natur, wie die Berichte von seinen letzten Stunden. Dass Jesus sich von Gott führen lässt, ihm vertraut, bedeutet nicht, dass er sich nicht fürchtet, dass er es nicht anders will. Ein beeindruckender Beleg dafür, wie sehr die christliche Religion die menschliche Natur ernstnimmt. Verletzlich, endlich, widersprüchlich.

Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. (Lk 22,42) Welch tiefe Verletzlichkeit – und welch tiefes Vertrauen. Dieser Satz, vielmehr noch diese Haltung würde nicht nur uns allen, sondern gerade auch den Mächtigen dieser Welt gut zu Gesicht stehen, sehen sie sich doch dieser Tage nur allzu gern durch Gott und leider oft auch eine religiöse Institution legitimiert. Der Drang, unsere Verletzlichkeit zu überwinden, oft auf Kosten anderer, ist ebenso menschlich, führt jedoch zu nichts. Das Reich Gottes wird nicht mit Waffen verbreitet.

Dass wir Menschen verletzlich sind, mach dreierlei deutlich: Erstens sind es unsere Mitmenschen es auch. Daher sollten wir nicht nur davon absehen, sie zu verletzen, sondern auch als verletzlich lieben – wie uns selbst. Zweitens: Wir haben nicht alles in Händen. Das bedeutet nicht, dass wir machtlos sind und nichts tun sollen. Aber – durchaus auch mit einem Augenzwinkern – wir müssen uns selbst auch nicht zu ernst nehmen. Und drittens sind wir in dieser krisengeschüttelten Zeit gut damit beraten, auf jemanden zu hoffen, der uns mit unserer Verletzlichkeit kennt und es gut mit uns meint.

Vielleicht wiederholt sich Geschichte, vielleicht müssen wir uns mit dem Schlechten in der Welt auch auf eine gewisse Weise abfinden. Aber mit Blick auf die Passion, der wir in der kommenden Woche besonders gedenken, dürfen wir Gott nahe bei uns wissen, nahe unserer menschlichen Natur. Er überlässt nicht der Finsternis, nicht dem Tod das letzte Wort. Gott ist der Vater aller Dinge, nicht der Krieg, so dürfen wir – vielleicht mit Blick auf unsere kleinen Osterkerzen – hoffen.

Tim Trute, Referent Theologie, Philosophie, Pädagogik

AW Tim Trute 2025 4 3