Hier und heute: Osterlachen

‚Heute‘ wechselt abermals die Stimmung. Das Drama der Nachtwache liegt hinter uns und weicht der ausgelassenen Osterfreude des Tages. Für ein großes Fest werfen sich die Gäste in Schale. Auch die passende Musik darf nicht fehlen. Und alles, was sich dabei anlachen könnte, erhält breiten Raum. Welches Fest wird uns der Auferstandene bereiten? Im berühmten Klosterkrimi „Der Name der Rose“ von Umberto Eco (*1932 †2016) wird heftig darüber gestritten, ob Jesus jemals gelacht hat. Die Evangelien berichten wohl von den Tränen des Herrn, aber nirgends von seinem Lachen. Wie könnte sich der Gottessohn auch einfach so gehen lassen. Wo er doch eine todernste Mission zu erfüllen hatte? Wenn alles im Zeichen des Kreuzes steht, scheint Lachen deplatziert. Wer aber die Evangelien genauer liest, wird bei Jesus auf einen hintergründigen Humor stoßen. Damit wusste er manche Verhärtung zu lösen und bewies tiefe Menschenkenntnis.

‚Heute‘ soll Jesus noch ein anderer zur Seite gestellt werden, der in schwerer Zeit die verwandelnde Kraft des Lachens zu nutzen verstand. Am 16. April 1889 wurde Charlie Chaplin geboren. Vor meinem Auge ersteht sofort das Bild seiner größten Rolle. Als Vagabund mit Zweifinger-Schnurrbar, übergroßer Hose und Schuhen, enger Jacke Bambusstock in der Hand und Melone auf dem Kopf. Charlie Chaplin verbrachte Kindheit und Jugend in bitterer Armut und zeitweise in Waisenhäusern. Die Schauspielerei führte ihn aus dem Elend und in die Vereinigten Staaten, wo er 1913 einen Schauspielvertrag erhielt. Die Rolle des Vagabunden „Tramp“ machte ihn berühmt.

In dem Film „der große Diktator“ schlüpft Chaplin dann in eine gewagte Doppelrolle. Er parodiert zum einen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. Mit allen Mitteln des Komikers entlarvt er so 1940 die aberwitzigen Allmachtsphantasien des deutschen „Führers“. Zum anderen spielt Chaplin auch einen jüdischen Friseur, der dem Diktator verblüffend ähnlich sieht. Und so kommt es, wie es kommen muss: zu Verwechslung und Rollentausch.

Auf welch schmalem Grat solch eine Parodie wandelt! Das war Charlie Chaplin durchaus bewusst. Denn ein totalitäres Terrorregime mit Witzen zu verarbeiten, läuft Gefahr, das Grauen zu verharmlosen. Aber was entwaffnet die hohle Großspurigkeit des gerne so lauten Diktators nachhaltiger als Humor? Nichts bestreitet dieser Machtanmaßung deutlicher ihr Recht an uns! Und damit befindet sich der Film in bester biblischer Gesellschaft. Wer auch immer sich von den Herrschern dieser Welt an die Stelle des Allmächtigen setzen will, wer sich zur Kultfigur stilisiert und sich zu maßlosen Versprechen versteigt, wird von den Heiligen Schriften mit beißendem Spott überzogen und der Lächerlichkeit preisgegeben.

Ein österlicher Brauch war lange Zeit in Vergessenheit geraten: der „risus paschalis“, das Osterlachen. An Ostern sollte der Prediger die versammelte Gemeinde zum Lachen bringen. Nicht selten verführte das zu abwegigen Mitteln: Der Eine erzählte zweideutige Witzchen unter der Gürtellinie; ein Anderer gackerte wie ein Huhn. Auch hier wird eine schmale Gratwanderung gewagt. Denn das echte Osterlachen bestreitet dem Tod seine letzte Macht über uns. Unbändige Freude soll sich Bahn brechen. Der wahrhaft Lebendige hat mit ihm alles besiegt, was uns am Leben hindert, für immer. Die Fesseln aus Angst und Verzweiflung sind gelöst – auch wenn wir ein Leben lang mit dem Abstreifen beschäftigt sein werden.

Der „risus paschalis“ ist wohl viel besser im Alltag aufgehoben als zwischen den Ritualen der Liturgie. Denn wo immer wir dem Menschlich-Allzumenschlichen ein Lächeln abgewinnen können; wo immer uns in noch so verfahrenen Situationen der Humor nicht verlässt, geben wir zu erkennen, dass wir eine Hoffnung haben. Nichts kann größere Macht auf uns ausüben, als der Eine, der für uns alle den Tod bezwungen hat. Nichts kann einen größeren Eindruck auf mich machen als der Ostermorgen. Seine Freude blendet die Wundmale nicht aus. Aber im Humor halte ich daran fest, dass es für uns alle den einen Ausweg gibt: Auferstehung und neues Leben, das uns niemand mehr nehmen kann.

Pfarrer Dr. Axel Hammes

Axel Hammes - Thomas-Morus-Akademie Bensberg