Joseph Beuys: Kunst als gesellschaftliche Kraft
Joseph Beuys gehört zu den einflussreichsten und zugleich umstrittensten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Seine Werke reichen von fragilen Zeichnungen bis zu raumgreifenden Installationen, von spektakulären Aktionen bis zu politischen Interventionen. Doch Beuys verstand Kunst nie nur als ästhetische Praxis – für ihn war sie ein Mittel, Gesellschaft zu verändern.
Anlässlich unseres Wochenendseminars über Joseph Beuys sprachen wir mit der Kunsthistorikerin Dr. Bettina Paust, die gemeinsam mit Timo Skrandies das erste umfassende Beuys-Handbuch herausgegeben hat. Im Gespräch geht es um die Faszination dieses außergewöhnlichen Künstlers, um seine Idee der „Sozialen Plastik“ – und um die Frage, warum Beuys’ Denken bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Liebe Frau Dr. Paust, was war der Grund für Sie, sich vor fünf Jahren so intensiv mit Beuys zu beschäftigen?
Meine Beschäftigung mit Beuys zieht sich schon über mehrere Jahrzehnte. Der Anlass jedoch mit Timo Skrandies zusammen das erste Beuys-Handbuch 2021 herauszugeben, war das NRW-weite Jubiläumsjahr zum 100ten Geburtstag von Joseph Beuys. Für uns war dies ein längst überfälliges Buchprojekt, das die wichtigsten Bereiche des Beuys’schen Werkes und Wirkens zusammenfasst. Wir haben ca. vier Jahre mit einem Team von jungen Kunsthistorikerinnen an dem 500 Seiten starken Nachschlagewerk gearbeitet.
Was genau hat Sie als Kunsthistorikerin an Beuys so interessiert?
Das Faszinierende an Joseph Beuys ist einerseits die bedingungslose Verknüpfung von Werk und Biografie und andererseits sein unbändiger Drang, durch seine Kunst notwendige gesellschaftliche Veränderung bewirken zu wollen. Man könnte sagen, Beuys selbst ist schon ein Gesamtkunstwerk, denn er war Zentrum seines Werkes, das sich von den frühen, fragilen Zeichnungen bis zu den großen, raumbestimmenden Installationen und den Aktionen sowie politischen Agitationen spannt. Dabei steht im Zentrum immer Beuys‘ immaterielles Hauptwerk – die Soziale Plastik.
Joseph Beuys war ja war nicht nur bildender Künstler, sondern auch Intellektueller, Sozialtheoretiker, linkspolitischer Aktivist, Forscher und Kunsttheoretiker – und natürlich eine der zentralen Figuren der Bonner Republik. Welche Facette ist nach Ihrer Meinung und aus heutiger Perspektive die wichtigste?
Beuys hat deutlich gemacht, wie universal, innovativ und zugleich gesellschaftsorientiert Kunst im 20. Jahrhundert sein kann. Er hat aus wissenschaftlichen und philosophischen Quellen geschöpft und daraus seine Theorie entwickelt, dass jeder Mensch aufgrund seiner individuellen kreativen Kräfte in der Lage ist, Veränderungen zu bewirken – und dies zum Wohl der Gemeinschaft. Das ist ein zutiefst humanistischer Ansatz, der zugleich jeden Menschen auch in seine gesellschaftliche Verantwortung setzt. Es ist dieser soziale, politische Impetus mit der Neuinterpretation plastischen Gestaltens, der das Beuys‘sche Werke in all seinen Facetten durchzieht und damit im Kern zeitlos macht.
Können Sie seinen „Erweiterten Kunstbegriff“ teilen – und finden wir ihn bei anderen Künstlern heute wieder?
Den Grundgedanken des „Erweiterten Kunstbegriffs“ finde ich äußerst nachvollziehbar und die Kunst des 20. Jahrhunderts revolutionierend. Denn er hat die starren Spartenzuschreibungen aufgebrochen und gleichzeitig künstlerische Äußerungen eng mit der Lebenswirklichkeit verknüpft. Damit hat Beuys auf Zeitgenossen wie nachfolgende Künstler*innen-Generationen gewirkt. Allerdings dort, wo man den“ Erweiterten Kunstbegriff“ simplifiziert oder missinterpretiert, zieht er abstruse künstlerische Blüten nach sich.
Welchen Einfluss hat Beuys aus Ihrer Sicht auf die Kunst gehabt, national und international?
Beuys hat in mehrfacher Hinsicht die nachfolgenden Künstler*innen generationen geprägt
Und welchen auf Gesellschaft und Politik? Diese Frage zielt natürlich auch auf die Relevanz von Kunst ab.
Beuys hat mit seinem Werk wichtige Impulse für zeitgenössische, internationale künstlerische Strömungen, wie z.B. „Performing Art“, „Socialy Engaged Art“, „Ecological Art“ oder „Animal Art“ verliehen, oder insgesamt die Dimensionen plastisches Gestaltens erweitert. Es gibt diesbezüglich eine Reihe von Künstler*innen, die sich mit dem Werk von Beuys intensiv auseinandergesetzt haben oder sich gar dezidiert auf Beuys beziehen, wie z.B. Christoph Schlingensief, Ai Wei Wei, Thomas Hirschhorn, Matthew Barney, Pierre Huyghe, Elaine Sturtevant usw.
Was den Aspekt der gesellschaftlichen Relevanz betrifft, so würde ich sagen, dass Beuys Theorie der Sozialen Plastik Parallelen zur Entwicklung der „Neuen Kulturpolitik“ aufweist, die Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik versteht und vor dem Hintergrund der Reformbewegungen der 1960er/1970er Jahre, ebenso wie Beuys, den Fokus auf Demokratiestärkung und Erweiterung des tradierten Kunstbegriffs legte. So entstanden in der BRD z.B. In den 1970er Jahre die ersten soziokulturellen Zentren und der Appell von Hilmar Hoffmann „Kultur für – und von – allen“ wurde zur kulturpolitischen Maxime. Inwieweit Beuys mit seiner Kunst und seinem politischen Engagement Spuren in Politik und Gesellschaft hinterlassen hat, diskutieren wir gerne eingehender in dem Seminar.
Sie selbst waren ja neben Ihrer Herausgeberschaft Künstlerische Direktorin der Stiftung Museum Schloss Moyland und sind jetzt Leiterin des Kulturbüros der Stadt Wuppertal. Welche Ihre Aufgaben hat für Sie am meisten Reiz?
Beide Aufgaben waren bzw. sind zu ihrer Zeit mit ihren jeweils spezifischen Arbeitsfeldern für mich reizvoll, herausfordernd und bereichernd gewesen. Wobei der Fokus in der künstlerischen Leitung auf dem Museumsbetrieb einer in sich geschlossenen Institution in einem Stiftungsgefüge lag, während meine jetzige Tätigkeit innerhalb einer kommunalen Verwaltung kulturpolitische Themen und insbesondere die Freie Kulturszene in Wuppertal im Blick hat.
Abschließend gefragt: Was dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Ihres Beuys-Seminars in der TMA erwarten?
Dieses Beuys-Seminar wird kein trockenes, monologisches Seminar, sondern mir ist es wichtig, die einzelnen Themenblöcke im Dialog und kleinen interaktiven Elementen mit den Teilnehmer*innen zu durchwandern. Jedoch müssen die Teilnehmer*innen kein großes Beuys-Vorwissen mitbringen, sondern nur Interesse, Neugierde und Lust, sich auszutauschen. Zu erwarten ist ein Überblick über das komplexe Werk und Wirken von Beuys, der hoffentlich Lust darauf macht, sich in der Folge noch näher mit Beuys auseinanderzusetzen.
Liebe Frau Dr. Paust, herzlichen Dank für das Gespräch.
Erstes Beuys Handbuch: 100 Jahre Beuys: Leben, Werk und Wirkung
Felicitas Esser, Referentin Kunst, Kultur und Literatur der Thomas-Morus-Akademie Bensberg
Dr. Bettina Paust, Leiterin des Kulturbüros der Stadt Wuppertal und ehem. Künstlerische Direktorin der Stiftung Museum Schloss Moyland




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