Gedanken zum Jahreswechsel
Silvester ist ein merkwürdiger Moment: ganz konkret und zugleich voller Gedanken. Man sitzt beisammen, genießt gutes Essen, hört Musik, stößt miteinander an – und merkt doch, wie sehr dieser Abend auch nach innen führt. Wir schauen zurück auf das, was war, und nach vorn auf das, was kommt. Und manchmal wissen wir gar nicht so genau, was überwiegt: Dankbarkeit oder Erleichterung, Sorge oder Hoffnung.
Denn das vergangene Jahr hatte seine Dornen. Politisch, gesellschaftlich, weltweit war vieles schwer auszuhalten. Manche Nachrichten hätte man gern weniger oft gelesen, manche Entwicklungen lieber nicht erlebt. Und wahrscheinlich kennt jede und jeder auch ganz persönlich Momente, die eher gestochen als geblüht haben – im Großen wie im Alltäglichen.
Und doch gab es Blüten. Vielleicht nicht spektakulär, oft eher leise: ein gutes Gespräch, eine Begegnung, ein Moment der Schönheit. Musik, Kunst, Natur – Dinge, die uns daran erinnern, dass das Leben mehr ist als Schlagzeilen und To-do-Listen. Manchmal muss man ziemlich nah herangehen, um sie zu sehen.
Ein arabisches Sprichwort sagt:
„Ärgere dich nicht darüber, dass der Rosenstrauch Dornen trägt, sondern freue dich darüber, dass der Dornenstrauch Rosen trägt.“
Silvester ist vielleicht genau der richtige Zeitpunkt für diesen Perspektivwechsel. Nicht um Dornen wegzudrücken – sondern um die Blüten nicht zu übersehen. Denn Gleichgewicht entsteht nicht aus glatter Perfektion. In der Musik berührt uns die Auflösung erst, wenn vorher etwas Spannung war. Im Leben ist es ähnlich: Es ist eine Komposition aus hellen und dunklen Tönen, aus Aufbruch und Innehalten.
Wenn wir gleich auf das neue Jahr anstoßen, dann vielleicht mit einem Vorsatz, der keiner sein muss: aufmerksam zu bleiben für die kleinen Blüten im Alltag. Für das, was trägt. Und für das feine Gleichgewicht, das uns durch ein neues Jahr führen kann – auch dann, wenn Dornen dazugehören.
In diesem Sinne: einen festlichen, heiteren und zugleich nachdenklichen Jahresausklang – und einen guten Start in 2026.
Felicitas Esser, Referentin für Kultur und Gesellschaft



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