Sinn – Wovon leben wir? – Jenseits von Funktionieren und Erfolg
Kennen Sie solche Leute? Bücher sind zu lesen, Filme zu sehen, Chorwerke zu meistern, Berge zu erklimmen …
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt damit eine Haltung unserer Zeit: das Leben als eine Abfolge von Möglichkeiten, die genutzt und ausgeschöpft werden sollen. Zugleich erinnert er daran, dass es Momente gibt, die sich einfach nicht herstellen lassen.
Diese Beobachtung verweist auf die Struktur moderner Gesellschaften. Sie können sich nur in Bewegung stabilisieren. Institutionen, Wirtschaft und soziale Ordnung bleiben nur bestehen, wenn sie wachsen, sich beschleunigen und sich ständig erneuern. Rosa nennt das „dynamische Stabilisierung“ – Stillstand wäre bereits eine Krise.
Diese Logik prägt auch das Leben vieler Menschen. Wer bestehen will, muss funktionieren. Erfolg wird zum Maßstab. Zeit, Beziehungen und Erfahrungen geraten leicht unter eine Zwecklogik: Sie sollen etwas bringen, etwas leisten, etwas ermöglichen.
Doch genau hier entsteht eine Leerstelle. Denn das, wovon Menschen eigentlich leben – Sinn, Vertrauen, Erfahrungen von Bedeutung – lässt sich nicht herstellen. Um auf den Beginn zurückzukommen: Ob mich ein Buch wirklich anspricht, ob eine Wanderung auf den Berg mich verändert, ob mich der Blick von oben berührt – all das lässt sich nicht erzwingen.
Hier bildet das Evangelium vom zweiten Fastensonntag eine Gegenfolie. Drei Jünger steigen mit Jesus auf einen Berg. Dort ereignet sich etwas, das niemand geplant hat: Jesus wird vor ihnen verwandelt, sein Gesicht und seine Kleider leuchten.
Petrus möchte diesen Moment festhalten und Hütten bauen. Doch genau das gelingt nicht. Die Erfahrung bleibt unverfügbar. Sie geschieht – und sie vergeht.
Vielleicht liegt gerade darin ihre Pointe: Solche entscheidenden Momente brauchen zweckfreie Räume. Sie lassen sich nicht herstellen.
Gerade das könnte wiederum eine Aufgabe der Kirche sein: Räume offen zu halten, in denen Zweckfreiheit möglich bleibt – Unterbrechungen im Strom des Funktionierens.
Orte, an denen sich ereignen kann, was sich nicht herstellen lässt. Vielleicht gerade das, wovon wir leben.
Sebastian Walter,
Mitarbeiter am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft, Universität Bonn


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