Hier und heute: Zeitenwende

Heute ist der „dritte Tag“. In der Bibel bekannt als der Tag, an dem Gott eingreift und alles zum Guten wendet. Erschütterndes liegt also in der Luft. Eine Erdbebenwarnung wäre angesagt. Matthäus bietet uns wohl die dramatischste, die aufwendigste Osterszene der vier Evangelien des Neuen Testaments. Filmreif geht es bei ihm zu: Ein Erdbeben, Blitz und Donner, die Schockstarre der Wächter, eine spektakuläre Engelerscheinung, geballte Energie und überlegenes Wissen. Genauso muss die echte Zeitenwende aussehen, die alle Koordinaten unwiderruflich uns zugute verschiebt, die Himmel und Erde in Bewegung bringt.

Aber all das, was da am Ostermorgen aufgeboten wird, ist nicht das Ereignis, das wir heute feiern; ist nicht die Auferstehung Jesu, in die uns die Taufe für immer eingetaucht hat. Denn für die Auferstehung selbst gibt es keine Augenzeugen. Die wahre Zeitenwende geschieht unmerklich, bevor wir schließlich dazu kommen. Und die beiden Frauen werden zu verkünden haben, wie es der Apostel Paulus in prophetischer Sprache ausdrückt, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gedrungen ist“ (1 Kor 2,9). Diese Zumutung aus dem Jenseits macht den Frauen Beine. Mit gemischten Gefühlen, mit Freude und Furcht im inneren Widerstreit, laufen sie dem Auferstandenen in die Arme (Mt 28,9). Der „kommt ihnen entgegen“. Darum können sie ihm begegnen.

Heute, an Ostern, wissen die Jüngerinnen und Jünger Jesu zunächst gar nicht, wie ihnen geschieht. Ihr anfänglicher Glaube wird immer wieder von bohrendem Zweifel eingeholt, zu fremd und unbegreiflich bleibt ihnen das Erlebte. Und bis der Glaube dann eine Sprache dafür findet, muss er sich durch manche Ratlosigkeit „hindurchstottern“. Dabei ist es bis auf den heutigen Tag geblieben – auch für uns. So urteilt der große evangelische Theologe Karl Barth (*1886 †1968) wohl zu Recht:

„Es sind ohnmächtige Versuche, wenn man Ostern in Beziehung setzen will zu gewissen Erneuerungen, wie sie auch im geschöpflichen Leben sich ereignen, etwa im Frühling oder auch im morgendlichen Erwachen des Menschen … Auf den Frühling folgt unaufhaltsam einmal der Winter und auf das Erwachen das Einschlafen. Es geht hier um zyklische Bewegung von Neu- und Altwerden. Das Neuwerden an Ostern aber ist ein Neuwerden ein für alle Mal“.

Genau deswegen können Jesu getreue Gefolgsleute vom „galiläischen Meer“ auch niemals mehr ins alte Fahrwasser zurückkehren.

Zur Liturgie der Osternacht gehören viele Symbole, die uns anders ansprechen und berühren können als jedes noch so gut gesetzte Wort. Die Elemente des Lebens kommen gewandelt ins Heilige Spiel. Sie vermitteln uns: Christus der Gekreuzigt-Auferstandene sprengt den Rahmen seiner Kirche. Sie muss aus sich heraustreten, um sein Licht zu empfangen. Christus behält stets einen Vorsprung, bleibt uns allen weit voraus, bricht unverhofft ein in unsere Welt mit seinem Geheimnis des neuen Lebens. Dieses Geheimnis hat die Kirche nicht im Griff. Der Auferstandene vertraut sich ihr an, damit die Kirche die Räume weit und offen hält. Dann kann es geschehen, dass er auch uns entgegenkommt, um uns dieses neue Leben mitzuteilen. Und uns dann doch weiterschickt wie die Frauen am Grab.

Mancher Osterbrauch mag uns vielleicht allzu kindlich und verspielt erscheinen. Doch das Suchen nach Ostereiern im Freien jenseits der Kirchenmauern greift im Symbol auf, wozu uns der Auferstandene ‚heute‘ – aus der Nacht der Nächte – entlässt: Er ruft uns auf zur Spurensuche nach den unzähligen Orten, zu denen sich Christus schon aufgemacht hat. Er hat die Keime des österlichen Lebens auch in manchen vertrockneten Boden gesenkt. Denn aus dem Tod ersteht sein Leben. Im Aufsuchen seiner Spuren lernt die Kirche das Geheimnis immer besser kennen, das sie zu hüten hat. Mit weniger Seitenblicken auf Effizienz, Attraktivität und Akzeptanz wird sie lernen, das Unerhörte von Ostern wieder glaubwürdiger zu bezeugen. Dann wird sie zum lebendigen Echo für die Zusage, die nicht nur hier und heute, sondern für immer gilt: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,18).

Pfarrer Dr. Axel Hammes

Axel Hammes - Thomas-Morus-Akademie Bensberg