Hier und heute: Ans Ende kommen
‚Heute‘ lässt uns die Passionsgeschichte nach Johannes auf Schritt und Tritt den Leidensweg Jesu mitgehen. Jedes Detail dürfen wir nachempfinden bis zu seinem letzten Atemzug; bis zu seinem letzten Wort. Seit alters her wurde solchen letzten Worten ein außerordentliches Gewicht zugeschrieben. Scheinen sie doch zu bündeln, was einer uns hinterlassen will, der gleich für immer von uns gehen wird. In allen vier Evangelien richtet Jesus sein letzten Wort an Gott. Beim Evangelisten Johannes fällt es extrem kurz aus. Es lautet: „Es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Im griechischen Originaltext: τετέλεσται – tetélestai. Ganz am Ende seines Lebens kommt Jesu nur mit einem einzigen Wort aus. Für den Evangelisten Johannes sagt dies eine Wort alles – ist so reich gefüllt an Bedeutung.
Alles im Johannesevangelium wird konsequent so erzählt, dass sich mit den äußeren Ereignissen stets ein tieferer göttlicher Sinn verbindet. Nichts geschieht zufällig. Jesus verfolgt zielstrebig seinen Weg. Er weiß genau, wozu er in unsere Welt gesandt wurde. Die alltägliche Bedeutung der Wörter nutzt Jesus, um sie dann in seiner Verkündigung aufzuheben in das Geheimnis seiner Person. Auch auf sein allerletztes Wort trifft das zu. Ganz menschlich endet des Leben eines am Kreuz Erstickenden mit nichts als einem Stoßseufzer. Mit letzter Kraft bringt Jesus noch dies eine Wort heraus: ‚Es ist vollbracht – τετέλεσται – geschafft!‘ Jesus ist definitiv am Ende. Auf die Qualen folgt der Tod. Doch die Wurzel dieses griechischen Wortes kann sowohl das ‚Ende‘, als auch das ‚Ziel‘ bezeichnen. So gesehen erstattet Gottes Sohn mit deinem letzten Wort die Vollzugsmeldung an den himmlischen Vater. Seine Sendung auf Erden ist ‚ans Ende‘ gelangt. Er konnte alles erledigen. Ein Wort genügt, um Bilanz zu ziehen. Er muss den Auftrag nicht unerledigt zurückgeben, weil seine Gegner ihn zur Strecke brachten. Vielmehr hat er jetzt sein Ziel erreicht.
Ein Wort sagt alles – gerade durch seinen doppelten Sinn. Denn Jesus ist wirklich am Ende. Er hat die bittere Erfahrung von so Vielen selbst durchlitten. Schon mitten im Leben kommen Menschen an ihren toten Punkt. Da geht nichts mehr. Da steckt einer fest in der Sackgasse ohne jede Wendemöglichkeit. Grenzerfahrungen gehören zum Menschsein. Manchem vermitteln sie Demut, andere treiben sie in die Verzweiflung. Denn Leistungen lassen sich nicht beliebig steigern. Irgendwann drohe ich vollkommen auszubrennen. Therapien und Operationen können viel erreichen, vollbringen aber keine ‚Wunder‘. Mehr als Aufschub und Linderung geht manchmal einfach nicht. Herbe Enttäuschung kann eine Beziehung unwiderruflich an ihr Ende bringen. Eine Fortsetzung erscheint unzumutbar, unmöglich, wenn man bei der Wahrheit bleiben will. Erschöpfung aller Art zehren an unseren Kräften. Und welche Ohnmacht muss Mütter überwältigen, wenn ihre toten Söhne aus dem Krieg heimkehren? Sie haben nichts verhindern, niemanden retten können.
Aber etwas zum guten Ende zu führen, in dieser Welt etwas „vollenden“ zu können, kommt sehr viel seltener vor. Vielleicht ist es sogar nur den Künstlern vergönnt. Ihnen gelingt es zuweilen, dem Ausdruck zu geben, was über dem Fluss der Zeit steht, was bleibt. Bei genauem Hinsehen zeigt sich für jeden Schritt und jede Phase des Lebens in der Regel eher das Gegenteil. So richtig „fertig“ werde ich in dieser Welt mit nichts und niemandem. Doch das eine letzte Wort des Gekreuzigten erhebt diesen unermesslichen Anspruch. Er, der aus der Ewigkeit Gottes kam und unsere Abgründe durchschritten hat, er hat wirklich alles fertiggebracht, was zu unserer Rettung nötig war. Alles, was es braucht, damit auch unser Leben nicht einfach irgendwann abbricht, sondern sich vollenden kann.
Nach allen Verleumdungen und Misshandlungen stirbt Christus zutiefst versöhnt. An seinem Kreuz steht tatsächlich nichts mehr aus, bleibt keine alte Rechnung offen, bedarf es keiner nachträglichen Beglaubigung oder Absicherung. Heute verehren wir das Kreuz, weil es für die Versöhnung steht und für den Frieden, den die Welt nicht geben kann (vgl. Joh 14,27). Wo auch immer ich am Ende bin, wird der ans Kreuz Erhöhte mich an sich ziehen, um es zum guten Ende zu bringen.
Pfarrer Dr. Axel Hammes










