Allerheiligen – eine Sieger-Ehrung der anderen Art
Vier Jahre lang habe ich in Regensburg gelebt und an der dortigen Universität als Theologe mitgearbeitet. Immer wenn sich Besuch aus der Heimat ankündigte, wurde auch eine „Exkursion“ zu einem Monument donauabwärts fällig. Denn dort thront eindrucksvoll über dem Fluss die ‚Walhalla‘, ein grandioser Marmorbau im Stil der großen griechischen Tempel, im Inneren versehen mit den Büsten deutscher Heroen. Eine monumentale Treppenanlage führt vom Donauufer hinauf zum Ziel. Und wenn man dann in den Säulengang eintaucht, beschleicht einen ein seltsames Gefühl. In diesen gewaltigen Dimensionen müssen sich gewöhnliche Menschen fast wie Zwerge vorkommen. Doch diese Wirkung dürfte ganz im Sinne des Erbauers sein. König Ludwig I. von Bayern (1786-1868) suchte die Anlehnung an das Athener Pantheon. Es sollte ein nationales Heiligtum zur Verherrlichung des deutschen Vaterlandes geschaffen werden. Dazu mussten die Besucher ganze 358 Stufen in den Ruhmeshimmel erklimmen. So viel Pathos und Erhabenheit flößt Ehrfurcht ein; und das Bewusstsein, selber ziemlich klein und unbedeutend zu sein. Wie viel Dank ist da angebracht, trotzdem dazugehören zu dürfen.
Führt uns nicht auch Allerheiligen in so ein ‚katholisches Walhalla‘: in die Ruhmeshalle der Heldinnen und Helden unserer 2000-jährigen Kirchengeschichte? Lauter total herausragende Gestalten in Sachen Buße und Disziplin, Nächstenliebe und Geisteskraft, Keuschheit und Glaubensstärke. Diese illustre Schar wird auf hohe und leuchtende Podeste gehoben, in südlichen Ländern gar auf üppig geschmückte Prozessionswagen. Das gelebte Evangelium schwebt so unerreichbar über den Niederungen von uns einfachen Alltagschristen. Andächtige Bewunderung kann dann leicht vergessen machen, dass der Apostel Paulus alle Getauften ohne Ausnahme als „Heilige“ anerkannte. Demnach feiern wir heute unser aller Fest, unseren gemeinsamen Namenstag über die persönlichen Namen hinaus. Aber was sollte ausgerechnet uns zu echten „Heiligen“ machen? Ist damit der Taufe wirklich schon alles getan? Und warum sollten wir im Zweifelsfall mehr wollen?
Wir brauchen es gar nicht kleinzureden: Heilige haben bisweilen Außerordentliches geleistet bis zur Hingabe ihres Lebens. Aber Heiligkeit kennt keine Messlatten aus der Welt unseres Leistungsdenkens. Sie leuchtet überall da auf, wo Menschen Gott in ihr Leben gelassen haben, wo sie gründlich hineingehorcht haben in Gottes Wort, wo sie mit ehrlichem Herzen zu verwirklichen suchten, was sie vom Evangelium verstanden haben. Wer sich danach richtet, der braucht nicht mehr nach der launischen Meinung der Leute zu schielen. Er mag manchmal Anfeindung und Widerspruch riskieren, wird Enttäuschung und Misserfolg wegstecken müssen. Aber er gibt niemals auf, lässt die Hoffnung wider alle Hoffnung nicht sinken, den Mut zur Liebe niemals erkalten und seinen angefressenen Glauben nicht zerbrechen. Aus solchem Holz sind die Heiligen des Alltags geschnitzt. Und davon gibt es viele, mehr als alle Walhallas dieser Welt jemals fassen könnten. Heute werden wir daran erinnert.
Nicht jeder kann Mutter Teresa sein, aber eine jede und ein jeder können ihre sanfte, barmherzige Seite kultivieren und durch Gottes Geduld neue Hoffnung wecken. – Nicht jeder kann Mahatma Gandhi sein, aber jeder kann wissen, dass der Weg zum Frieden über Entwaffnung und Gewaltverzicht führt. – Nicht jeder kann Nelson Mandela sein, der 27 elend lange Jahre auf einer Insel Steine klopfte und seinen Peinigern verzieh, aber jeder kann sich dem Hass verweigern und den Geist der Versöhnung einüben. – Nicht jeder kann sich wie Franz von Assisi mit der ganzen Schöpfung verschwistern. Aber jeder kann sich auf die Achtung vor dem Leben besinnen und daran prüfen, wie und was er konsumiert. – Nicht jeder kann den Mut zum politischen Widerstand aufbringen wie eine Sophie Scholl. Er ist auch nicht zu jeder Zeit geboten. Aber jeder kann Zivilcourage zeigen, wo Würde verletzt und Freiheit bedroht wird.
Ziehen wir den Kreis der Heiligen nicht zu eng. Hängen wir unsere Erwartungen nicht zu hoch. Nicht an uns selbst und auch nicht an andere. Nicht weil wir hunderte von Stufen aufgestiegen sind in unserem Leben, werden wir zu echten Heiligen. Gott stieg zu uns herab in unsere Mitte. Nicht nach Walhalla zieht er uns – wo und wie bescheiden auch immer wir wohnen mögen, da sucht er uns. Dann macht er aus der Hütte eines kleinen Herzens einen strahlenden Tempel seines Geistes.
Dr. Axel Hammes, Geistlicher Berater der Thomas-Morus-Akademie Bensberg










