Freiheit, schöner Götterfunken

Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit

Ein einziges Wort kann ein vertrautes Musikstück verändern. Weihnachten 1989 war dieses Wort „Freiheit“. Am 25. Dezember dirigiert Leonard Bernstein im Ost-Berliner Schauspielhaus am Gendarmenmarkt Beethovens Neunte. Die Mauer ist seit wenigen Wochen offen. Musiker aus Ost und West sitzen gemeinsam auf der Bühne. Im Schlusschor lässt Bernstein dort, wo sonst „Freude“ gesungen wird, „Freiheit“ erklingen. Aus der „Ode an die Freude“ wird eine „Ode an die Freiheit“.
„Freiheit, schöner Götterfunken“ – eine vertraute Melodie trägt plötzlich die Hoffnung eines historischen Augenblicks. Menschen haben demonstriert, persönliche Risiken auf sich genommen und erlebt, dass sich etwas verändern lässt. Nun wird hörbar, was sich viele so lange gewünscht haben.
Bernstein ist überzeugt, dass dieser Augenblick seine Änderung rechtfertigt. „Ich bin sicher, dass Beethoven uns seinen Segen gegeben hätte. Es lebe die Freiheit!“, schreibt er zur Aufführung.
Wer heute an dieses Konzert denkt, mag sich fragen: Was ist aus dieser Begeisterung für die Freiheit geworden?

Wenn das Kostbare selbstverständlich wird

Freiheit zeigt sich oft in unspektakulären Dingen. Wir können ein Buch lesen, ohne dass es zuvor eine staatliche Zensur passieren muss. Wir können unseren Glauben leben oder uns gegen eine Religion entscheiden. Wir können der Regierung widersprechen, demonstrieren, uns politisch engagieren. Wir dürfen unseren Lebensweg selbst wählen.
Im Alltag denken wir selten darüber nach. Wir machen von diesen Möglichkeiten Gebrauch, als hätten sie immer bestanden und als würden sie uns immer erhalten bleiben.
Gerade am Tag der Deutschen Einheit lohnt es sich, diese Gewissheit zu unterbrechen. Für die Menschen, die 1989 für ihre Rechte auf die Straße gingen, war Freiheit keine Selbstverständlichkeit. Sie wussten, wie es ist, seine Worte abzuwägen und nicht offen sagen zu können, was man denkt.
Ihre Geschichte stellt uns eine unbequeme Frage: Wissen wir noch zu schätzen, was sie erkämpft haben?

Die Sehnsucht nach einfachen Antworten

Auch heute muss Freiheit ihren Platz in unseren politischen Entscheidungen behalten. Besonders dann, wenn die Probleme groß erscheinen und die Geduld mit demokratischen Auseinandersetzungen klein wird.
Es ist verständlich, sich nach Klarheit zu sehnen. Nach Entscheidungen, die endlich etwas bewegen. Nach Sicherheit in einer unübersichtlichen Welt. Doch wir sollten genau hinhören, wenn versprochen wird, alles werde einfacher, sobald weniger widersprochen, weniger nachgefragt und weniger Rücksicht genommen werde.
Wessen Stimme soll dann verstummen? Wessen Rechte gelten als verzichtbar? Und wer entscheidet, welche Menschen dazugehören?
Eine freie Gesellschaft verlangt uns etwas ab. Andere dürfen Ansichten vertreten, die wir für falsch halten. Journalisten dürfen Fragen stellen, die unbequem sind. Gerichte müssen unabhängig entscheiden können, auch wenn uns ein Urteil nicht gefällt. Demokratische Verfahren brauchen Zeit und führen nicht immer zu dem Ergebnis, das wir uns wünschen.
All das kann anstrengend sein. Gerade darin liegt aber ein Schutz, den wir auch für uns selbst brauchen.

Freiheit braucht unsere Aufmerksamkeit

Freiheit gehört zu unseren kostbarsten Gütern. Sie lässt sich nur gemeinsam bewahren. Wo Menschen eingeschüchtert, wegen ihrer Herkunft abgewertet oder aus dem öffentlichen Gespräch gedrängt werden, ist deshalb unsere Aufmerksamkeit gefragt. Die Freiheit der anderen geht uns etwas an.
Bernsteins „Ode an die Freiheit“ erinnert an einen Moment, in dem sich Geschichte zum Guten öffnete. Am Tag der Deutschen Einheit dürfen wir dafür dankbar sein. Aber Dankbarkeit allein wird die Freiheit nicht bewahren.
Wir brauchen sie gerade dann, wenn der Streit mühsam wird, wenn wir uns schnelle Lösungen wünschen und wenn jemand behauptet, auf die Rechte anderer könnten wir verzichten.
1989 gingen Menschen auf die Straße, weil sie frei leben wollten. Heute liegt es an uns, dafür zu sorgen, dass auch die Menschen nach uns diese Freiheit haben.

Foto: Leonard Bernstein beim Dirigieren, 1985. Foto: Sjakkelien Vollebregt / Anefo, Nationaal Archief, CC0.

Pia von Boeselager, Referentin Öffentlichkeitsarbeit Thomas-Morus-Akademie Bensberg

Pia von Boeselager Referentin Thomas Morus Akademie Bensberg