Ein Ton für Menschen, die wir nie kennenlernen
Am 5. August 2026 änderte sich in der Burchardi-Kirche in Halberstadt der Klang der Orgel. Ein Ton kam hinzu. Der vorherige Klang hatte seit Februar 2024 bestanden. Wer auf diesen Wechsel gewartet hat, wird dennoch nur einen winzigen Teil des gesamten Stücks hören.
John Cages Orgelwerk ORGAN²/ASLSP trägt die Anweisung „as slow as possible“: so langsam wie möglich. Die erste Aufführung dauerte knapp 30 Minuten. In Halberstadt begann das Stück 2001 und soll erst im Jahr 2640 enden. Die geplanten 639 Jahre erinnern an eine Orgel, die 1361 im Halberstädter Dom fertiggestellt wurde – 639 Jahre vor dem Beginn des Projekts zur Jahrtausendwende.
Ein Konzert, dessen Ende niemand von uns hören wird. Dieser Gedanke kann befremden. Wozu ein Musikstück beginnen, wenn man es nicht zu Ende hören kann?
In Halberstadt wird die Zukunft zu einer Aufgabe. Wer kümmert sich um die Orgel, wenn die Menschen, die das Projekt begonnen haben, nicht mehr leben? Wer sorgt für die nächsten Klangwechsel? Und wer erklärt in hundert Jahren, warum es sich lohnt, weiterzumachen?
An den Wänden der ehemaligen Klosterkirche hängen Stiftertafeln mit Namen und Jahreszahlen. Ihre Förderung hat die Aufführung über viele Jahre wesentlich getragen. Die Tafeln lassen sich auch als Wunsch lesen, eine eigene Spur zu hinterlassen. Zugleich zeigen sie, wie viele Menschen schon heute Verantwortung für ein Werk übernehmen, dessen Vollendung sie nicht erleben werden.
Unser Alltag hat einen anderen Takt. Der nächste Termin steht im Kalender, die nächste Nachricht wartet auf eine Antwort, und kaum ist eine Idee umgesetzt, drängt sich schon die nächste nach vorn. Vieles muss schnell gehen. In Halberstadt bleibt ein Gedanke, obwohl niemand ihn allein zu Ende führen kann. Menschen geben ihm Zeit, Geld und Aufmerksamkeit – und vertrauen darauf, dass andere ihn eines Tages aufnehmen.
Ob im Jahr 2640 tatsächlich der letzte Ton erklingt, wissen wir nicht. Damit die Musik bis dahin bleibt, braucht es Menschen, die heute noch nicht geboren sind. Sie werden die Orgel pflegen, Entscheidungen treffen und das Projekt auf ihre Weise fortsetzen müssen.
Wer den letzten Ton hört, wird niemanden mehr kennen, der den ersten gehört hat. Vielleicht nehmen wir aus Halberstadt deshalb eine Frage mit, die zwischen zwei Terminen selten Platz findet: Was von dem, was wir heute beginnen, möchten wir anderen anvertrauen?
Pia von Boeselager, Referentin Öffentlichkeitsarbeit Thomas-Morus-Akademie Bensberg










