Hier stehen wir. Gedanken zum Gedenken

Staat und Religionsgemeinschaften gedenken der Toten

Am heutigen Sonntag findet auf Einladung des Bundespräsidenten die zentrale Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen der Corona-Pandemie im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt statt. Dem staatlichen Gedenkakt unmittelbar voraus geht ein Gottesdienst in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, den der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Dr. Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, gemeinsam mit dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland, Erzpriester Radu Constantin Miron, zelebrieren und an dem auch Vertreter jüdischen und muslimischen Glaubens mitwirken.

Es hatte im Vorfeld einige Aufregung um die Initiative des Bundespräsidenten gegeben, da diese mit dem schon lange geplanten ökumenischen Festakt zum 500. Jahrestag von Martin Luthers Auftritt vor dem Reichstag zu Worms kollidierten, den die Kirchen nun um zwei Tage vorverlegten. Diese Kollision hat die vom bekennenden Protestanten Steinmeier wohl kaum intendierte Folge, dass Corona- und Luther-Gedenken denkbar nah zusammenrücken. „Hier stehe ich und kann nicht anders“ soll Martin Luther vor Kaiser und Reich ausgerufen haben. Und angesichts von fast 80.000 Toten im Zusammenhang mit Covid-19 allein in Deutschland – weltweit sind es mehr als drei Millionen – mag mancher auf die letzten Monate schauen und sagen: „Hier stehen wir und können nicht anders“.

Was wir den Toten schulden

Hier stehen wir. Das Gedenken gibt auch Gelegenheit zum Innehalten. Zwar wird kein Toter durch eine würdevolle Gedenkstunde ins Leben zurückkehren, keine Verstorbene durch eine missratene oder unterlassene Andacht gekränkt. Dennoch können wir uns fragen, was wir den Toten schulden.

Im konkreten Fall mag der plötzliche Tod eines Menschen vielleicht bedeuten, dass Dinge, die noch zu sagen und zu klären gewesen wären, ungesagt und ungeklärt bleiben müssen. Eine Versöhnung blieb aus, eine Verletzung konnte nicht mehr durch Gespräche und Gesten geheilt werden. Auch mag den Hinterbliebenen nach dem Tod eines geliebten Menschen erst recht bewusst geworden sein, wie viel sie diesem Menschen verdanken, ohne ihrem Dank zu Lebzeiten angemessen Ausdruck haben verleihen zu können. Und es mag einige der Gedanke umtreiben, dass sie mitverantwortlich sein könnten am Tod eines Menschen, weil sie vielleicht die angezeigte Sorgfalt im Umgang vermissen ließen. Solche Schuldgefühle können eine schwere Belastung sein – nicht zuletzt, weil sie durch kein Wort der Reue und der Bitte um Entschuldigung mehr gut zu machen sind.

Indem wir uns aber fragen, was wir den Toten schulden, behandeln wir sie noch einmal als Unseresgleichen, als ob sie noch lebten. Nur durch dieses „als ob“ können wir sie ansprechen, ihnen etwas „nachrufen“, sie um Verzeihung bitten und ihnen Dank sagen.

Gemeinschaftliches Gedenken

Als Gesellschaft können wir kollektiv fragen, was wir den Toten schulden. Haben wir alles getan, um ihre Leben zu schützen? Oder haben wir ihr Überlebensinteresse vielleicht doch bisweilen zu leichtfertig mit unseren wirtschaftlichen Interessen oder unseren Wünschen nach erfüllender Freizeitgestaltung aufgewogen?

Hier stehen wir also – und hätten vielleicht doch anders gekonnt? Diese Frage lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt schwerlich beantworten. Und wenn einmal wissenschaftliche Forschung zu dem Ergebnis kommen wird, dass wir kollektiv – und vielleicht auch individuell – anders und besser hätten handeln können, so bliebe doch die Erkenntnis, dass selbst mit dem besten virologischen und epidemiologischen Wissen keine „Corona-Politik“, kein noch so gutes Infektionsschutzgesetz, kein noch so harter und langer Lockdown verhindert hätten, dass Menschen an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben wären. Dies nicht zum Anlass für achselzuckende Leichtfertigkeit zu nehmen – auch das schulden wir weniger den Toten als vielmehr den Lebenden.

So verweist also die Frage, was wir den Toten schulden, immer auf die Lebenden. Diese Einsicht gehört sicher zum Kernbestand aller Gedenkkultur. Wie gehen wir mit den Erfahrungen der Corona-Pandemie, wie gehen wir mit den allabendlich präsentierten „Corona-Zahlen“ um, hinter denen – das ist oft betont worden – menschliche Schicksale stehen?

Im zweiten Jahr der Pandemie mit ihren zahlreichen Einschränkungen und Entbehrungen greifen Unmut und Frust immer weiter Raum. Das ist nur zu verständlich. Den vielen Toten zum Trotz wäre es falsch, die Leiden der Lebenden als Lappalien abzutun oder ihr Klagen als irrationale Wissenschaftsfeindlichkeit und infantiles Gemecker zurückzuweisen. Auch Menschen, die in Familie und Bekanntenkreis keine Krankheits- oder gar Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 zu beklagen haben, sind von der Pandemie betroffen. Auch hinter den unzähligen geschlossenen Gastronomiebetrieben, hinter gestiegenen Arbeitslosenzahlen und leeren Schulstühlen stehen menschliche Schicksale.

Und dennoch ist der Wunsch des Bundespräsidenten nachvollziehbar, „dass wir als Gesellschaft innehalten und gemeinsam der Menschen gedenken, die gestorben sind in dieser Zeit“ (Interview in der Herder Korrespondenz 4-2021, S. 56).

Verbunden in der Verwundbarkeit

„Das Ausgeliefertsein und die Einsamkeit im Sterben, unsere Verwundbarkeit, die Stigmatisierung durch das Virus, die Unsichtbarkeit des einsamen Todes abseits der betriebsamen Gesellschaft“ – dies mache Tod und Sterben unter den Bedingungen der Corona-Pandemie aus, so der Bundespräsident. Es sind neben der schieren Zahl der Toten gerade diese widrigen und oft widerwärtigen Umstände, die wir uns beim Gedenken bewusst machen sollten.

In der Verwundbarkeit sind die Lebenden und Toten verbunden. Das Schicksal der Toten könnte auch die Lebenden ereilen. Zwar scheinen die großen Hoffnungen in die Leistungen von Wissenschaft und Technik berechtigt, doch mahnen uns Virus-Mutanten und risikobehafteten Impfstoffe: Niemand kann sich einfach aus der Gemeinschaft der Verwundbaren „herausimpfen“.

Mensch sein heißt: verwundbar sein. Diese Einsicht steht uns am heutigen Corona-Gedenken vor Augen. Hier stehen wir und können nicht anders.

Für die Toten beten und für die Lebenden kämpfen

Mary Harris „Mother“ Jones, einer der Ikonen der amerikanischen Arbeiterbewegung, wird der Kampfruf „Pray for the dead and fight like hell for the living“ („Betet für die Toten und kämpft wie verrückt für die Lebenden“) zugeschrieben. Man darf davon ausgehen, dass die aus Irland stammende Katholikin Mary Jones beide Hälften der Aussage ernst und keineswegs ironisch meinte. Ihr Mann und ihre vier kleinen Kinder starben 1867 während einer Gelbfieber-Epidemie. Vier Jahre später verlor sie beim großen Brand von Chicago ihre kleine Schneiderei und alle Habseligkeiten. Fortan setzte sich Mary Jones in der Gewerkschaftsbewegung für die Rechte und das Wohlergehen der arbeitenden Bevölkerung ein.

Ihr Leben zeigt uns exemplarisch: Menschen sind und bleiben verwundbar, aber sie sind ihrem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert. Im gemeinschaftlichen Einsatz für gute Lebensbedingungen und in der Solidarität mit den Schwachen können wir tatsächlich etwas erreichen und zum Besseren wenden. In diesem Sinne sollen wir wie verrückt kämpfen.

Doch es gilt auch: Menschen sind ihrem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert, aber sie sind und bleiben verwundbar – und sterblich. Der Tod markiert das Ende jeden irdischen Lebens. Kein noch so leidenschaftlicher Kampf, kein intensivmedizinischer Einsatz kann an dieser Tatsache etwas ändern.

Im Angesicht von Verwundbarkeit und Tod bleibt das Gebet – in ihm können wir Klage und Lob, Freude und Trauer, Bitte und Dank, Angst und Hoffnung gleichermaßen zum Ausdruck bringen.

Lass die Nacht vorübergehen

Im vergangenen Jahr brachte das Erzbistum Köln ein kleines Gebetsbüchlein heraus: „Lass die Nacht vorübergehen. Gebete in der Trauer“. Die titelgebende Zeile findet sich in einem Gebet des Schweizer Kapuziners Anton Rotzetter:

Ich rufe in die Nacht hinein

Von bösen Nachrichten überflutet
und von Schreckensbildern überschwemmt
Die Kehle zugeschnürt
und das Herz beengt
Voll Angst vor dem, was kommt
und ohne zu wissen, was ich tun kann
rufe ich in die Nacht hinein

Lass unsere Welt genesen
in Liebe und Gerechtigkeit
Befrei mich zu einem gelösten
und frohen Leben
Zeig mir, was ich tun soll
und erfüll mich mit Mut und Kraft
Lass die Nacht vorübergehen
und den Tag aufstrahlen, der kein Ende nimmt

Im Angesicht des Todes stehen wir und können nicht anders. Aber als Lebende stehen und können wir. Also beten und kämpfen wir.

Bilder
Ralf Skirr auf Unsplash, gemeinfrei
United States Department of Labor Poster, 2010. Auf Wikipedia, public domain.

18. April 2021 || von Dr. Matthias Lehnert, Akademiereferent