Auf ein Wort mit… Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack

In Zeiten, in denen die COVID-19-Pandemie das Reisen zum Erliegen gebracht hat, wagen wir mit Prof. Dr. Heinz-Dieter Quack einen Blick in die Zukunft.

Durch die Corona-Pandemie ist das private Reisen fast vollständig zum Stillstand gekommen. Auch wenn die Beschränkungen aufgehoben werden, hat sich der Blick auf das Reisen verändert. Auf welche Weise wird das Reisen ein anderes sein als vor der Pandemie?

Gleich Ihre erste Frage berührt einer der aktuell spannendsten Fragen im Tourismus überhaupt! Wir haben ja bereits im vergangenen Sommer erste Erfahrungen mit einem anderen Reisen machen dürfen, und grundsätzlich müssen wir davon ausgehen, dass Beschränkungen verschiedenster Art auch das Reisegeschehen mindestens noch im Gesamtjahr 2021 prägen werden. Eine Rückkehr zum „alten normal“ zumindest in diesem Jahr halte ich für ausgeschlossen. So wir in diesem Jahr verreisen wollen, müssen wir uns also auf Hygiene- und Abstandsregeln, limitierten und kontrollierten Zugang zu Attraktionen und deutlichen Einschränkungen bei den Möglichkeiten von Auslandsreisen gefasst machen.
Neben diesen eher operativen Einschränkungen halte ich jedoch die Art und Weise, wie wir in diesem Jahr auf das Reisen schauen werden, für wichtiger: Werden wir möglichst schnell möglichst viel des Verpassten nachholen wollen oder gelingt es uns, ein Stück Demut zu bewahren und dem Reisen an sich und den Menschen, die uns das Reisen möglich machen, mit mehr Wertschätzung zu begegnen?

Das Reisen in ferne Länder, in die viele gerne gereist sind, ist durch die Pandemie mit größeren Risiken verbunden. Wird die Pandemie den Inlandstourismus stärken?

Das hat sie bereits im vergangenen Jahr und wir gehen auch für das laufende Jahr von einer erhöhten binnentouristischen Nachfrage aus. Noch nicht klar zu beantworten ist die Frage, ob die Reisenden im Inland „auf den Geschmack kommen“ und auch dann stärker im Inland verreisen, wenn das Reisen auch international wieder wie vor der Pandemie möglichsein sollte. Es ist jetzt Chance und Herausforderung für die touristischen Akteure in Deutschland, die Reisenden von der Attraktivität ihrer Angebote auch dauerhaft zu überzeugen.

Viele Bundesbürger haben in der Pandemie die Nähe und das Regionale entdeckt. Die Enge der Strände und Innenstädte, der enorme Verbrauch von Ressourcen für Flüge und Klimaanlagen hat bei vielen zum Nachdenken über das eigene Reisen geführt. Kann die Corona-Pandemie einen neuen Impuls für ein nachhaltiges Reisen geben?

Die aktuellen Untersuchungen und Befragungen hierzu ergeben ein zweischneidiges Bild: Einerseits geben viele Menschen an, einige der in den letzten 12 Monaten zwangsläufig erlernten neuen Gewohnheiten und Sichtweisen beibehalten zu wollen, hierzu gehören beispielsweise ein stärkerer Fokus auf Qualität und Herkunft meiner Lebensmittel, eine neue Sicht auf die Attraktivität meiner Region oder auch ein anderer Fokus auf Familie und Freundschaften – und natürlich auch auf das Reisen an sich: Für uns alle war Reisen ja bis vor einem Jahr ein ubiquitäres Phänomen, das wir per se gar nicht hinterfragt haben. Nun, da wir recht lange gar nicht bzw. nur sehr eingeschränkt reisen konnten, stellen wir (mitunter erstaunt) fest, dass es auch mal anders oder gar ohne geht. Bei einigen Menschen ist daher die Überzeugung gewachsen, dieses neue, bewusstere Reiseverhalten auch nach Corona fortsetzen zu wollen. Ehrlicherweise müssen wir aber gleichzeitig konstatieren, dass der überwiegende Teil der Reisenden so schnell als möglich das „alte Leben“ zurückhaben möchte – diese Menschen empfinden die pandemiebedingten Restriktionen als eine unangenehme, aber eindeutig temporäre Erscheinung und warten nun darauf, endlich wieder wie bis 2019 gewohnt und geübt reisen zu können, gegebenenfalls sogar ausgefallene bzw. substituierte Urlaube nachholen zu können. Viele Reisebüros und Reiseveranstalter berichten von einer hohen Anzahl von Anfragen und bereits Buchungen für den Sommer und das zweite Halbjahr 2021 im Rahmen der tradierten Reisemuster.

In vielen Fällen führen Krisen auch die Neuorientierungen und Aufbrüchen. Welche Neuentwicklungen von Produkte und Produktlinien können Sie beobachten? Gibt es vielleicht durch die Pandemie eine Renaissance des Wanderns?

Im vergangenen Jahr haben wir eine deutlich erhöhte Nachfrage nach Outdooraktivitäten, besonders beim Wandern und Radfahren gesehen. Zwar mag ein Teil dieser Aktiven dem Mangel an Alternativen geschuldet sein, jedoch zeigen aktuelle Untersuchungen, dass unter diesen „Neukunden“ viele Menschen das Draußensein sehr positiv erlebt haben. Gerade das Wandern wurde im Krisenjahr für viele zu einem zentralen Ventil: Auch ungeübte Wanderer entkommen so auf Zeit der mitunter beklemmenden Enge ihrer Wohnung, in der sie plötzlich ja nicht nur „wohnen“, sondern auch arbeiten, Kinder beschulen und im Grunde das gesamte soziale Leben konzentrieren.
Trotz vorsichtiger Hoffnung auf eine langsame Rückkehr zu einer gewissen Normalität dürfen wir davon ausgehen, dass wir Draußen-Sein als den zentralen Gegenpol zur nicht nur räumlichen Enge der eigenen Wohnung auch weiterhin beibehalten werden: das Wandern im regionalen Umfeld (im Tagesausflugsradius) ist unser Mittel der Wahl zur Stärkung unserer physischen und psychischen Fitness. Hier schlummern neue touristische Chancen für die terra incognita vor unserer Haustür: wir entdecken unsere Regionen, unsere Heimaten wieder neu. Es ist davon auszugehen, dass wir auch zukünftig eine höhere Nachfrage auf den Wanderwegen beobachten werden. Es gilt nun mit gezielten Strategien auch bisher unbekannte Wege und Regionen zu vermarkten, um Besucherströme zu entzerren und Mensch und Natur nachhaltig zu schützen.

Lieber Herr Professor Quack, vielen Dank für die Einblicke in die aktuellen Forschungen und das aufschlussreiche Gespräch.
Das Interview führte Andreas Würbel, Akademiereferent.

Einmal im Monat erscheint „Auf ein Wort mit…“ und stellt interessante und engagierte Personen vor, mit denen die Akademie auf unterschiedliche Weise verbunden ist. Gesprochen wird über Gott und die Welt, über Kunst und Kultur, über Aktuelles aus Gesellschaft und Kirche ….

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Bild: Heinz-Dieter Quack
Fotograf: Roman Brödel

Prof. Dr. Quack leitet das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes, das neue Bindeglied zwischen Politik und Tourismuswirtschaft. Er erforscht und analysiert seit 25 Jahren wesentliche Steuerfaktoren touristischer Märkte und die jeweiligen Marktstrukturen. Parallel zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit als Professor für Destinationsmanagement an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften ist er als Berater und Referent in der touristischen Unternehmensberatung seit über zwei Jahrzehnten in den Segmenten Destinationsmanagement, Reiseveranstaltung und -vermittlung in einer Vielzahl von Beratungsprojekten engagiert.

Im Juli 2021 ist er Referent auf der Fachtagung der „Zurück auf Los oder Neustart? Kirchen und nachhaltiger Tourismus in Corona-Zeiten“, die die Thomas-Morus-Akademie in Zusammenarbeit mit der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Freizeit und Tourismus (KAFT) und der Akademie des Versicherers im Raum der Kirchen durchführt.