Auf ein Wort mit… Klaus von Stosch

Herr Professor Klaus von Stosch ist katholischer Theologe und seit 2008 Professor für systematische Theologie in Paderborn. Er gilt als einer der wichtigsten Vertreter der komparativen Theologie in Deutschland und arbeitet seit Jahren intensiv mit muslimischen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Gemeinsam mit ihnen forscht er am „Zentrum für Komparative Theologie und Kulturwissenschaften“, wie Gläubige andere Glaubensüberzeugungen wertschätzen können, ohne die jeweils eigenen aufzugeben.

Lieber Herr Professor von Stosch, Sie arbeiten mit Muslimen und Christen gleichermaßen eng zusammen. Hatten Sie in den vergangenen Wochen den Eindruck, dass uns unsere religiösen Traditionen unterschiedliche Verhaltensweisen mitgeben, mit Krisen wie der Corona-Pandemie umzugehen? Oder „ticken“ Christen und Muslime sehr ähnlich?

Ich erlebe hier eine große Verbundenheit über Religionsgrenzen hinweg. Gerade diejenigen, die wie ich kleine Kinder haben, leider in diesen Monaten sehr stark mit den eigenen Kindern und deren Problemen durch die Kontaktbeschränkungen. Auch die Sorge um ältere Menschen verbindet uns.

Sind Sie davon überzeugt, dass der Glaube in Krisenzeiten resilienter macht? Wenn ja: Wie äußert sich das für Sie? Gibt es auch da Unterschiede zwischen Christen und Muslimen?

Der Glaube gibt uns eine innere Mitte und Kraft in dieser schwierigen Zeit. Religiöse Rituale stabilisieren den Alltag gerade dann, wenn alle anderen äußeren Dinge zusammenbrechen. Mir zum Beispiel tut das Stundengebet sehr gut, und ich erlebe, wie sehr meine muslimischen Kolleginnen und Kollegen Kraft aus ihrem Ritualgebet ziehen. Vor allem aber wissen wir gemeinsam, dass es etwas gibt, das wichtiger ist als unser Überleben und dass wir über den Tod hinaus hoffen dürfen. Ich finde schon, dass dieser Glaube, der uns ja gemeinsam ist, stärkt und in der Krise trägt.

Ist die gegenwärtige Krise für Sie eine Chance, die innerkirchlichen „Stellungskriege“ der vergangenen Jahre zu beenden, um wieder eine starke Stimme für die Menschen zu werden? Oder ist diese Chance schon vertan?

Ich denke, dass wir als Kirche wirklich lernen müssen, dass es nicht darum geht, ob Liberale oder Konservative die Oberhand gewinnen, sondern darum, dass die Kirche diese Gesellschaft zum Positiven verändert. Wir sollen Salz der Erde sein, nicht um uns selbst drehen. Angesichts der zentrifugalen Kräfte, die derzeit unsere westlichen Gesellschaften bedrohen, ist es wichtig, dass wir uns daran erinnern, dass es beim Katholischen um das Allumfassende geht, sodass unsere Kirche gerade davon lebt, dass wir auch mit denen etwas zu gestalten lernen, die anders ticken als wir. Kirche sollte wieder mehr eine Kraft werden, die diese Gesellschaft zusammenhält. Das geht auch als kleiner werdende Gemeinschaft, wenn diese in großer innerer Pluralität Kurs auf die einende Mitte Gottes hält.

Sie sind als interreligiös denkender Systematiker zweifelsohne ständig mit konfligierenden Wahrheitsansprüchen konfrontiert. Wie gehen Sie persönlich damit um, dass „Wahrheit“ in der aktuellen politisch-gesellschaftlichen Lage ein sehr dehnbarer Begriff ist?

Erleben wir nicht eher, dass der Begriff eben nicht dehnbar ist? Fake News sind doch Verdrehungen der Wirklichkeit, die in der Mitte unserer Gesellschaft klar abgelehnt wird. Die Debatte darüber und die Fassungslosigkeit seriöser Medien angesichts derartiger Desinformationskampagnen zeigen doch, dass wir alle genau wissen, dass die Frage der Wahrheit eben nicht Ansichtssache ist. Das gilt genauso im interreligiösen Gespräch und dieses ist gerade deswegen so spannend, weil es dabei nicht darum geht, nett zueinander zu sein, sondern nach der einen Wahrheit zu suchen.

Wenn Sie einen Traum träumen dürften: Wie sähe das Verhältnis von Christentum und Islam in zehn Jahren aus?

Ich würde mir wünschen, dass wir immer mehr erkennen, dass wir gemeinsam berufen sind, in unserer Gesellschaft die Gottesfrage wachzuhalten und an die humanisierende Wirkung des Glaubens zu erinnern. Denn an dieser Stelle sitzen wir in einem Boot und haben unseren zahlreicher werdenden atheistischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern etwas zu geben. Zugleich wünsche ich mir, dass wir ernsthaft und in einer fairen Debattenkultur um die Fragen ringen, bei denen wir unterschiedlicher Meinung sind. Auf dieser Basis können wir dann den Wert unserer Verschiedenheiten entdecken.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Dr. Michael Hartlieb, Akademiereferent Theologie und Philosophie

Jeden ersten Sonntag im Monat erscheint der Newsletter der Thomas-Morus-Akademie Bensberg. „Auf ein Wort mit…“ stellt interessante und engagierte Personen vor, mit denen die Akademie auf unterschiedliche Weise verbunden ist. Gesprochen wird über Gott und die Welt, über Kunst und Kultur, über Aktuelles aus Gesellschaft und Kirche ….

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Titelbild: unsplash.com, gemeinfrei
Bild: Klaus von Stosch, privat